Als mein eines Auge woanders war

Es dauerte eine Weile bis ich begriff, dass ich nicht mehr schlief. Ich blinzelte, aber zu meiner Verwunderung sah ich mein linkes Augenlid nicht schließen, obschon ich fühlte wie es sich schloss.

So betastete ich vorsichtig das Auge und blinzelte erneut. Ich stellte zweifelsfrei fest, dass beide Augen wie gewohnt arbeiteten, bloß sah das linke nicht was es sehen sollte, es blickte stattdessen auf den Bildschirm eines großen Fernsehgerätes und folgte den Personen.

Ich schloss die Augen und sah eine Weile zu, erkannte aber dann, dass es sich bei dem Programm um eine dieser langweiligen Fortsetzungsschnulzen handelte. Im Bad untersuchte ich mein Gesicht im Spiegel, was keine allzu leichte Aufgabe darstellte, da sich mein linkes Auge fest auf jenen, wahrscheinlich irgendwo weit entfernt ablaufenden Film konzentrierte. Alles schien mit mir in bester Ordnung, bis auf die Tatsache dass mein linkes Auge Dinge an einem mir völlig fremden Ort sah.

Ich lachte nervös.

Auf dem Weg in die Wohnstube verlor ich das Gleichgewicht. Mein Auge blickte auf einmal hinab zu einer Bierdose und schwenkte dann wieder zum Fernseher zurück. Ein unbeschreiblich verwirrendes Gefühl ist dies, wenn einem das linke Auge urplötzlich eine Bewegung vorspielt, die der Kopf gar nicht vollführt.

Ich ließ mich in den Sessel sinken und schaltete den Fernseher ein, um jenes Programm zu suchen, welches mein linkes Auge so fesselte. Bald schon hatte ich es entdeckt und ich setzte mich derart, dass ich etwa so auf meinen Fernseher sah wie mein linkes Auge auf seinen.

Mein Gerät war kleiner.

Es war schwierig zuzusehen, einige Male erlebte ich merkwürdige Verzerrungen, einmal wirkte das Bild sogar räumlich, je nachdem welches Auge wie auf den Schirm sah, und auf welches ich mich mehr konzentrierte. Am meisten begann mich zu stören, dass ich nicht kontrollieren konnte wohin mein linkes Auge blickte. So irritierte es schon, wenn eines meiner Augen blinzelte und das andere nicht.

Ich bekam rasch Kopfschmerzen, und ärgerlicherweise konnte ich mir keine Ruhe verschaffen, da ich auf einer Seite stets den Fernsehschirm sah.

So saß ich denn eine Weile mit geschlossenen Augen im Sessel und versuchte zu entspannen, mich auf das Dunkel meines rechten Auges einzustellen.

Dann ging mein Wecker.

Ich fuhr auf und lief ins Schlafzimmer, wobei ich mehrere Male an den Türrahmen anstieß. Ich schaltete den Weckton ab und stand einen Moment wie erstarrt da.

Was sollte ich tun, ich musste zur Arbeit, vielleicht einfach zu einem Arzt gehen, ja sicher ließ sich dieses Problem leicht kurieren, die Medizin vollbringt ja heutzutage wahre Wunder, oder zu einem Psychotherapeuten, möglicherweise war alles nur psychosomatisch bedingt, doch ist es wohl peinlich mit solch einem seltsamen Problem bei einem Arzt aufzutauchen, ein Hellseher vielleicht, denn war dies nicht ein klassischer Fall einer, zugegeben recht unspektakulären Vision?

Ich zog mich an und ging zur Arbeit.

Da ich es mir nicht zutraute in diesem Zustand mein Auto zu lenken nahm ich den Bus.

Die ganze Zeit bemühte ich mich normal zu erscheinen, gab mich ausgeglichen und entspannt. Es verlief alles relativ günstig, und niemand schien zu bemerken, dass etwas mit mir nicht stimmte. Einzig meine Sekretärin fragte, ob ich Probleme mit den Augen habe. Beinahe hätte ich sie mit Fragen bestürmt, da ich annahm sie kenne sich mit solcherlei Zuständen in irgendeiner Weise aus, aber als ich in den Spiegel sah, bemerkte ich nur dass ich leicht schielte, da mein linkes Auge sich nun stets mit dem rechten ausrichtete.

Ich schaffte nur wenig Arbeit, da mich ständig der Gedanke an meine ungewöhnliche Situation plagte.

Die Bilder, die mein linkes Auge mir lieferte, störten mich mit der Zeit immer weniger, da sich dessen neuer Besitzer eine langweilige Sendung nach der anderen anschaute, und sich nur hin und wieder ein neues Bier aus der kleinen, ungeordneten Küche herbei holte.

Am Nachmittag jedoch fand eine Konferenz statt, und mitten in der Diskussion schaltete jener Fremde, durch dessen Auge ich nun blickte, das Programm um. Unglücklicherweise sah er sich nun einen Pornofilm an, und ich errötete heftig und entschuldigte mich unter dem Vorwand mir sei nicht wohl.

Ich eilte nach Hause zurück, während in meinem Kopf ein Chaos zusammenhangsloser Bilder tobte und mein Kopfschmerz immer unangenehmer wurde.

Zu meinem Glück war mein unbekannter Peiniger nun scheinbar müde geworden, hatte sich auf sein Canapé gelegt und die Augen geschlossen. Ich stand da als wäre ich mit einem Male erblindet, dann spürte ich eine ungeheure Erleichterung. Ich ging ins Schlafzimmer und legte mich meinerseits zur Ruhe. Sicher würde sich morgen alles wieder normalisiert haben, und meine Augen wären beide wieder dort, wo sie gestern noch gewesen waren.

Mein Schlaf war unruhig und von merkwürdigen Träumen geplagt, die ich wohl einigen nächtlichen Aktivitäten jenes Unbekannten verdankte.

Als ich morgens erwachte stellte ich betroffen fest, dass ich noch immer durch das linke Auge des Fremden sah, dann erblickte ich zum ersten Male sein Gesicht, als er sich vor dem Spiegel rasierte. Er war von recht ungepflegter Erscheinung, dunkle Ringe unter den Augen, schütteres Haar und dicke Tränensäcke. Überhaupt wirkte er ungesund und aufgedunsen. Sein linkes Auge wies allerdings keinerlei Auffälligkeiten auf.

Während des Vormittages bekam ich heraus wo er wohnte, da er nun am Fenster saß und die Straße beobachtete. Es war zwar keine sehr gute Gegend, ich kannte sie, aber wenigstens lag sie nicht allzu weit entfernt. Ich studierte den Fahrplan und nahm den nächsten Bus dorthin.

Als ich schließlich die Straße entlang ging und mich bemühte das Haus zu finden von welchem er auf die Straße sah, da erblickte ich mich auf einmal mit dem linken Auge, wie ich dort unten die Straße entlang wanderte. Ich sah hinauf und fand ihn, sah mir dabei direkt ins Gesicht.

Ich winkte und bedeutete ihm hinunter zu kommen. Es dauerte eine Weile bis er begriff, doch dann verschwand er vom Fenster und ich sah wie er die Wohnung verließ und an einem heruntergekommenen Fahrstuhl vorbei über die Treppe hinab kam.

Aufgeregt schilderte ich ihm meine Lage, was umso peinlicher war, da ich mir dabei unentwegt selbst ins Gesicht sah.

Er erklärte, dass er seit gestern auf dem linken Auge gar nichts mehr sehe. Er habe schon zu einem Arzt gehen wollen, aber für eine Augenoperation reiche sein Geld gewiss nicht aus.

Eilig versprach ich ihm für jegliche Kosten aufzukommen, und so konnte ich ihn überreden, auf der Stelle gemeinsam einen Arzt aufzusuchen.

Der erste Facharzt den wir um Rat befragten, staunte nicht schlecht als wir unser Dilemma schilderten, doch die ganze Sache ließ sich ja sehr einfach beweisen, indem er dem Anderen ein Buch vorlegte, und ich ihm daraus vorlesen konnte ohne es zu sehen.

Er schickte uns zu einem Spezialisten. Dort untersuchte man uns ausgiebig und kam zu dem Schluss, dass eine Transplantation gewiss Abhilfe schaffen würde. Da mir mein Beruf ein großzügiges Einkommen zusicherte, und ich ein genügsamer Mensch bin, übernahm ich die Kosten für mich und meinen Leidensgenossen.

Die Operation verlief ohne Komplikationen, und als nach einer Woche die Verbände abgenommen wurden, vergoss ich Freudentränen, da ich nun endlich wieder mit beiden Augen aus einem Kopf heraus sah. Der Andere schien ebenfalls sehr zufrieden, bedankte sich herzlich, und kehrte dann zu seiner Wohnung zurück.

Zuhause betrachtete ich mich erleichtert im Spiegel. Die Augen hatten zwar unterschiedliche Farben, und das linke war von der Operation noch gerötet, aber sie funktionierten einwandfrei.

Fröhlich ging ich in die Wohnstube, ließ mich in den Sessel fallen und schaltete den Fernseher ein.

Merkwürdigerweise konnte ich mich nicht mehr so recht an meine Fernsehgewohnheiten erinnern, doch schien mir dies in Anbetracht der Probleme, die ich ausgestanden hatte doch geradezu lächerlich. Ich fand rasch eine interessante Serie über bedeutende Gesellschaftsprobleme in einer Dreiecksbeziehung.