Wir begruben ihn draußen vor der Stadt, zwischen den beiden Weidenbäumen, dort wo das alte Kreuz steht.
Jetzt, eine Woche nachdem wir seinen Leichnam in der dunklen Erde gebettet haben, finde ich den Ort voller Rattenspuren, anscheinend sind sie uns damals gefolgt um sich über seine Gebeine herzumachen.
Ich weiß noch, wie er damals angekommen war, wie sich das Gerücht breit machte, ein Fremder sei in die Stadt gekommen, einer, der von draußen gesandt, der den Kaufmann Stonner suche. Wir haben eine Legende hier, nach welcher vor einem halben Jahrhundert schon einmal ein Fremder kam, von denen außerhalb der Stadt, und den sie nach einem geschickt hatten, der Geschäfte mit ihnen getätigt, aber diese nicht nach ihren Erwartungen abgewickelt hatte. Jener Sage nach fand man den Betrüger einige Tage später schrecklich zugerichtet im Keller unter seinem Anwesen.
Es war nun eine merkwürdige Situation, als ich von der Ankunft des Fremden erfuhr, denn jeder sprach davon und doch wusste man weder, wie er aussah, noch wo er in der Stadt untergekommen war. Die Furcht ging um in den Gassen der Armenviertel, wo die Staatspolizei nur hin kam um sich ein paar Schuldige zu suchen, und sie ging um in den Vierteln der Reichen, in den großen Palästen, den Villen mit ihren gut bewachten Parks, denn auch wenn man der Legende keinen Glauben schenkte, so hatte der Fremde doch eindeutig nach dem reichen Stonner Kunde verlangt.
Es geschah zu der gleichen Zeit, dass sich wieder die Rattenplage nahe der Kanäle breit machte, und eines Abends hob eine Einheit des Militärs in den unterirdischen Gewölben einen Hort dieser Bestien aus. Man fand dort einiges an Geräten und zahlreiche Schriftstücke in fremder Schrift, welche die Tiere scheinbar von außerhalb der Kanäle hinab geschafft hatten. Das Parlament berief eine Sondersitzung ein da man fürchtete, erneut in offenen Konflikt mit den Außenseitern zu geraten, und beim letzten offenen Krieg hatte es furchtbare Zwischenfälle auf beiden Seiten gegeben, deren Nachwirkungen noch heute zu spüren waren. Die kühle Ablehnung unserer Gemeinschaften verschaffte zudem der Regierung ein geeignetes Feindbild um die Finanzierung der großen Staatsarena und des Schlammpanzer-Projektes weiter voranzutreiben.
Man berief also einen Botschafter ein, der nach draußen gesandt werden sollte um sicherzustellen, dass es zu keinen Missverständnissen zwischen uns und ihnen kommen sollte.
Währenddessen sprach man viel über den Fremden und eines Nachts stand ich ihm mit einem Male gegenüber. Die kleine, fette Gestalt war aus einem der vielen finsteren Reihenhauseingänge hervorgetreten, so dass das bleiche Neonlicht sie zur einen Hälfte anstrahlte. Der Fremde war am ganzen Körper mit Bandagen eingewickelt, doch trotzdem erkannte man seinen aufgequollenen, haarlosen Körper, der über und über mit kunstvollen Wunden verziert war. Seine heisere Stimme werde ich wohl niemals vergessen, denn kaum fragte er mich nach dem Weg zur Vierundachtzigsten, da begann aus den Kanaldeckeln das schrille Gekreisch der Ratten nach oben zu dringen und seine Worte in eine unwohlsame Kakophonie einzuhüllen.
Mit einem Frösteln wies ich ihm den Weg, und ich dachte an den armen Kaufmann Stonner der dort seine Villa unterhielt. Der Fremde lächelte kindlich, ließ sich auf alle Viere nieder und huschte die Straße hinab. Ich hatte drei Tage lang mit dem Gedanken gerungen den Vorfall der Staatspolizei zu melden, doch fürchtete ich auf irgendeine unerklärliche Weise die Rache der Fremden, und so redete ich mir ein, dass ich mit der Staatspolizei lieber keinen Umgang wünschte.
Man fand Stonners Fleisch nach diesen drei Tagen, er war in winzig kleine Stückchen zerschnitten und in den Gewölben unter seinem Anwesen verteilt worden. Die Presse spielte den Vorfall herunter, aber es sickerte durch, dass sein Skelett in einer Haltung vorgefunden worden war, die zweifelsohne darauf schließen ließ, dass sein Tod geraume Zeit in Anspruch genommen, und er lange vor seinem Peiniger geflohen sei. Überall dort unten entdeckte man Abdrücke von des Fremden spitzen und schädlichen Händen.
Als sich unter der Bevölkerung Unruhe breit machte erklärte die Regierung, man habe das Wort der Außenstehenden, dass dies ein Vorfall zwischen ihnen und Stonner gewesen sei und keinerlei weitere Greueltaten vorgenommen werden sollten.
Den Fremden fand man nach einer Woche, er hockte zusammengekauert im Schatten eines alten Brunnens und war bereits vollkommen leblos als man ihn dort herauszerrte. Da der Staat nicht wusste wie mit dieser Situation zu verfahren sei, inhaftierte man die Leiche und warf sie in eine Sicherheitszelle. Zwar war jedem bewusst, dass die Außenlebenden ihren Schergen zurückfordern würden, doch hatte er gegen unsere Gesetze und unseren Frieden verstoßen, und man würde sich keine Blöße eingestehen wollen. Die Kälte zwischen uns war ein schwieriger und äußerst instabiler Zustand.
Mich jedoch betraf das Ganze sehr persönlich, da ich des Tags nach der Festnahme mein heimatliches Haus verlassen vorfand, über der Kellertreppe jedoch das Zeichen der Fremden angebracht. Meine Frau war offensichtlich verschleppt worden, und ohne die genaue Bedeutung des Siegels der Fremden zu kennen verstand ich sofort, dass sie ihren toten Mörder zurückwollten. So bestach ich einige Wachleute und überredete einige Freunde, bis es mir schließlich gelang den Leichnam aus der Zelle entwenden zu lassen.
Ich brachte ihn im Dunkel der Nacht hinaus. Bei den Weiden fand ich meine Frau bei dem Kreuz, und wir begruben den Toten. Nun holen die Rattenfürsten sich zurück was sie ausgesandt, um es ihrer fürchterlichen Genetik wieder einzugliedern.
Ich weiß, dass man bereits nach mir fahndet, doch fürchte ich die Staatsgewalt nicht, denn nachdem ich mit meiner Frau am Hause angelangt war, fand ich auf der Schwelle ein anderes Siegel, und ich weiß, dass sie jede ihrer Abmachungen und Versprechen mit grausamer Härte überwachen.