Ich wohne im zweiten Stock, und wenn ich die Jalousien hoch drehe und hinunter schaue, dann ist da in dem kleinen Hof ein Springbrunnen aus Metall. Das Ding muss sicher aus dem letzten Jahrhundert stammen, aber so genau kenne ich mich eigentlich nicht aus. Ich bekam einmal abends mit wie sich der Vermieter und der Typ aus dem Erdgeschoss über den Brunnen unterhalten haben. Ich ging gerade die Treppe rauf und die beiden standen am Absatz. Als ich beim Hochgehen bemerkte, dass sie über den Brunnen redeten, habe ich etwas fallen lassen, irgend so eine Tüte mit Nüssen oder so, und sie dann langsam eingesammelt, damit ich zuhören konnte. Keine Ahnung warum ich nicht einfach hingegangen bin, aber später fiel mir auf, dass sie ihre Stimmen gesenkt hatten als ich kam.
Auf jeden Fall sagte der Vermieter gerade, dass in der Fabrik, die das Ding geliefert hatte, damals angeblich einige merkwürdige Dinge passiert seien. An dem Abend war wohl eine große Lieferung Treibstoff für die Maschinen angekommen, und als das Zeug dann in die Tanks geleitet werden sollte, stellte man fest, dass der Tankwagen leer war. Auf dem Gelände war noch nie Treibstoff abhanden gekommen, und der Wagen war nur kurze Zeit unbeaufsichtigt gewesen.
Als jedenfalls die Serie mit den Springbrunnen aus den Formen kam, war aus irgendeinem Grund keiner der Arbeiter in der Halle, und die glühenden Metallschalen standen vier Stunden lang in der Halle herum. Die gesamte Serie wurde nicht mit Wasser abgelöscht, sondern erkaltete an der Luft.
Am Nachmittag wurden dann die ersten Brunnen verladen und ausgeliefert, unter anderem auch der Brunnen unten im Hof. Wie sich später herausstellte, waren sie eigentlich für eine einwöchige Lagerung vorgesehen, aber irgendein Verwaltungsbeamter hatte wohl diese nutzlose Verzögerung bemerkt und kurzerhand den Lieferplan optimiert. Also wurden die Brunnen zu früh geliefert. Das Interessante daran ist eigentlich, dass in der gleichen Nacht die Fabrik von zwei gepanzerten Wagen angegriffen wurde. Nachdem einige der Arbeiter durch die Maschinengewehre niedergestreckt worden waren, ergriffen die übrigen die Flucht. Als dann kurz darauf die Werkspolizei eintraf, waren die Panzerwagen verschwunden, und beim Durchsuchen der Lager entdeckte man, dass die gesamte Produktion der Springbrunnenserie entwendet worden war, mit Ausnahme natürlich der zu früh ausgelieferten.
In diesem Moment hatte der Vermieter wohl Verdacht geschöpft, denn er hielt inne und sah zu mir hinauf. Ich nickte ihm zu und sammelte hastig meine Sachen zusammen.
Zwei Tage danach traf ich auf der Treppe die alte Frau aus dem ersten Stock. Sie stand am Flurfenster und sah hinaus in den Hof. Ich dachte mir erst nichts, aber als ich an ihr vorbei ging hörte ich, wie sie irgendetwas vor sich hin flüsterte, „Ach wärst du doch nie hergekommen.“ oder so ähnlich.
Ich fragte ob alles in Ordnung sei, und sie zuckte zusammen, sah mich an und warf dann einen nervösen Blick aus dem Fenster. In dem Moment ging unten die Tür und der Vermieter trat an den Treppenabsatz und sah zu uns hinauf. Irgendetwas in seinem Gesicht ließ mich schaudern, und ich ging hastig weiter. Die alte Dame floh regelrecht in ihre Wohnung und als ich mich unten am Vermieter vorbei schob, hörte ich wie sie oben ihre Tür zuschlug und verriegelte.
Als ich abends zurück kam, hielt ich an der Treppe inne, und ging dann zur Hintertür durch. Ich wollte auf den Hof und mir den Brunnen aus der Nähe betrachten. Ich schloss den Riegel auf und schob ihn beiseite, aber die Tür öffnete sich nicht. Ich wollte kein Licht machen und tastete den Rahmen ab, da entdeckte ich zwei weitere Riegel. Ich schaltete also doch das Licht ein und öffnete die beiden Sperren. Ich kannte die Dinger, die waren wohl vor ein paar Jahren aufgekommen, als die Staatspolizei Gerüchte über Raubmörder ausstreute, die in Häuser eindrangen. Diese Riegel machten damals einen großen Absatz, ich glaube sie sollten einen lauten Alarmknall von sich geben, wenn sie durch Einschlagen der Tür zerbrochen wurden. Jedenfalls machte mich stutzig, dass sie fest in die Tür integriert waren, und die Tür war noch vor dem Krieg eingesetzt worden.
Schließlich betrat ich den Hof, und im Licht aus dem Flur glitzerte das rostige Wasser im Brunnen. Ich legte meine Hände auf den Rand und hatte im ersten Moment das unheimliche Gefühlt, dass sie daran hängen blieben, aber das kam von der rauen Beschaffenheit der Metalloberfläche. Wenn man genau hinsah und mit der Hand darüber strich, konnte man bemerken, dass die Oberfläche nicht glatt war, obschon es zunächst den Anschein hatte. Der Rand wies winzige Metallstacheln auf, die wohl dadurch entstanden sein mussten, dass man den Brunnen nach dem Erkalten nicht nachträglich abgeschliffen hatte.
Ich nahm meine Hände wieder vom Rand und muss den Brunnen wohl angestoßen haben, denn sofort bildeten sich Ringe im Wasser, die langsam nach innen wanderten.
Irgendwo in der Ferne startete eine Flugmaschine, und der Brunnen schien den Laut auf eigentümliche Weise aufzufangen und wie in einer Art mechanischer Antwort wieder abzugeben.
Ich bemerkte einen Schatten, und als ich mich umdrehte, sah ich den Vermieter in der Tür zum Hof stehen. Aus irgendeinem Grund fühlte ich mich ertappt, sah noch einmal unentschlossen zum Brunnen zurück und dreht mich dann um. Oben war jetzt Licht auf den Treppenfluren zu sehen, und durch die Fenster konnte ich erkennen, wie mich die anderen Mieter von dort beobachteten. Als ich wieder hineinging, sah mir der Vermieter auf eine Art ins Gesicht, als suche er darin irgendetwas.
Ich drückte mich etwas nervös an ihm vorbei und ging nach oben. Vor mir hörte ich, wie die anderen Mieter hastig in ihren Wohnungen verschwanden, und als ich bei meiner Etage angekommen war, warf ich noch einen Blick übers Treppengeländer nach unten.
Der Vermieter stand dort und starrte mich geradewegs an. Dann verzog sich sein Gesicht zu einem merkwürdigen Lachen, und als ich meine Tür aufschloss, schrie er auf einmal hinter mir her „Lassen sie nichts mit ins Haus hinein, hören sie? Lassen sie niemals etwas mit hinein!“
Anm. des Autors: Der Titel entstammt dem Umstand, dass zahlreiche der Arbeiter, welche am Tage der Brunnenproduktion in Halle 6 Dienst taten, einige Wochen später über starke Rückenschmerzen klagten. Eine Untersuchung lieferte zu Tage, dass alle von ihnen seltsam regelmäßige chemische Verbrennungen entlang der Wirbelsäule aufwiesen.