Das Verhör

Es ist nun zwei Stunden her, dass wir Potnik und Grubert am Bahnhof aufgegriffen haben, und noch immer ist es uns nicht gelungen, eine einzige sinnvolle Information aus ihnen herauszubekommen.

Potnik schien uns zu Anfang der Denker zu sein, derjenige, der die Pläne erdachte und mit der Partei Kontakt pflegte, doch nun sind wir uns nicht mehr so sicher wie das Verhältnis zwischen den beiden zu bewerten ist. Als wir sie am Bahnhof in Haft nahmen war Potnik wach und Grubert bewusstlos. Als wir sie dann hier aus dem Wagen holten war es umgekehrt. Wir haben sie zunächst einzeln verhören wollen, um zu sehen ob sich ihre Aussagen widersprechen, und dann daraus die Zuverlässigkeit der gewonnenen Informationen zu extrahieren, aber schon bald haben wir diesen Plan verworfen und sie beide in eine Zelle gesteckt. Dort sitzen sie nun, beide an einem schlichten Metalltisch, sich gegenseitig gegenüber, und hinter der verspiegelten Wand am Ende des Raumes sitzen wir, beobachten, notieren, bewerten.

Keine leichte Aufgabe bei diesen beiden, wie wir schon bei der Einzelbefragung bemerkten. Grubert war regungslos, er hatte zwar sein Bewusstsein wiedererlangt, aber er saß nur da, rührte sich nicht im geringsten, und starrte geradeaus. Potnik hingegen zeigte ein Übermaß an Reaktion. Als wir ihn hinein brachten schwor er uns, dass wir von ihm nichts erfahren würden, und kaum hatten wir ihm die Lampe ins Gesicht gedreht, da legte er den Kopf in den Nacken und schrie in einem fort, bis wir ihn zu Grubert brachten, kein wildes oder verzweifeltes Schreien, nur ein konstanter Laut des Ungehorsams, der uns bedeuten sollte, dass er auf diese Weise nicht mitspielen würde.

Nun sitzen sie also da drinnen, und Potnik liegt, den Oberkörper vorgelehnt auf der Tischfläche, das Gesicht auf dem matten Metall. Grubert sitzt ihm gegenüber, knetet seine Hände und wispert ständig seinen Namen vor sich hin. Er hat irgendetwas an sich, dass uns an ein Nagetier erinnert, zuweilen zuckt er mit der Nase und sieht sich schreckhaft um, wenn wir ihm durch die Lautsprecher Fragen zurufen.

Wir dachten daran, die beiden einfach ein paar Tage dort drin sitzen zu lassen bis sie gefügig geworden wären, da brach auf einmal Grubert in sich zusammen, die Hände gefaltet im Schoß liegend, und die Stirn auf die glatte Fläche des Tisches niedersinkend. Synchron dazu richtete sich Potnik auf, sah sich um, blickte dann misstrauisch zum Spiegel und nickte. Er kannte sich aus, hatte wahrscheinlich auch schon unseren Job gehabt, auf der anderen Seite halt.

Also fragten wir ihn nach dem Vorfall in Pisa, ob er darin verwickelt gewesen sei, und an was er sich erinnerte. Wir gaben ihm nicht viel vor, nur Stichpunkte, damit er sie aufschnappen und auswerten würde. Worte, die er sich vielleicht niemals zu erkennen geschworen hatte, aber dann, wenn wir sie ihm aufdrängten vielleicht aus Versehen aufgreifen und verwerten würde.

Potnik nickte und ein dünnes Lächeln strich kurz über seine harten, slawischen Züge. Er sei in Pisa gewesen, habe im Hotel am Kopernikusplatz gewohnt, und von dort aus die Radiospionage überwacht. Er beschrieb einige der Antennen und technische Details der Anlagen, sowie zwei der Mitarbeiter, die dort mit ihm für die Partei gearbeitet hatten.

Zunächst waren wir sehr zufrieden, nahmen an, er würde sich die ihm sicher wohlbekannten Maßnahmen zur Wahrheitsfindung ersparen wollen, und so einfach frei reden, doch als wir seine Aussagen mit den Informationen abglichen, die uns der Innere Dienst verschafft hatte, so stellten wir fest, dass er exakt diese Informationen wiedergegeben hatte. Keine mehr und keine weniger. Er schien genau um unseren Informationsumfang Bescheid zu wissen und hielt uns offensichtlich zum Narren.

Als wir ihn anfuhren uns weitere Details zu nennen, da schüttelte er müde den Kopf und legte sich wieder nach vorne auf die Tischfläche. So blieb er eine Weile, war jedoch offenbar noch bei Bewusstsein. Dann erhob er sich wieder, fluchte leise, und sah mürrisch auf Grubert herunter.

Dann stand er auf, ging um den Tisch zum Spiegel hin und starrte hinein. Es war ein Kräftemessen mit Unbekannten, er starrte sich selbst in die Augen um uns damit niederzuringen, aber wir konnten ihm ausweichen, er uns nicht. Dann begann er den Raum abzuschreiten. Er ging nicht etwa einfach umher, nein, er schritt vorsichtig die Wände ab, setzte dabei penibel genau immer einen Fuß vor den anderen, als wolle er die Zelle bemessen. Als er seine Runde gemacht hatte ging er zur Wand und bemaß diese mit den Handflächen. Dann ging er zur Tür, stellte sich davor und blieb so, obwohl wir ihn mehrfach dazu aufforderten wieder seinen Platz am Tisch einzunehmen.

Es wurde also Zeit für die ersten Maßnahmen, und so setzten wir Stroboskoplicht und Sirenen ein. Das Licht ist sehr grell und scheint leicht durch die geschlossenen Augenlider hindurch, während die Sirenen dazu dienen, dass man mit seinen Händen nur die Ohren, und nicht gleichzeitig auch die Augen verschließen kann.

Potnik registrierte den Angriff, ging zum Tisch, setzte sich, und fiel vornüber. Gleichzeitig zuckte Grubert zusammen wie ein verwundetes Tier, stieß einen spitzen Schrei aus und verkroch sich unter dem Tisch. Dort rollte er sich zusammen und wimmerte.

Wir schalteten die Anlage nach einer Weile ab, doch Grubert blieb dort in seiner embryonalen Haltung und rollte sich nur langsam hin und her.

Es wäre sicherlich leichter gewesen beiden einfach irgendwelche Medikamente zu impfen, aber seit den Abmachungen in Graz ist uns dies ja leider untersagt. Wir begannen nun Grubert anzuschreien und ihn zwischendurch mit Sirenen zu martern, aber es war zwecklos. Er rief immer nur er wisse alles und wolle es auch sagen, doch als wir ihn dann aufforderten, wiederholte er stets nur seinen Namen.

Ginge es nach uns, so hätten wir ihn laufen lassen, denn erstens hatte man ihn anscheinend blockiert, und zweitens würde er unter dem Verhör ohnehin zusammenbrechen und einige Jahre zurückfallen. Er tat uns leid, aber er gehörte zur Partei, war ein Feind, und zudem auf irgendeine undurchsichtige Weise mit Potnik verbunden, der sich scheinbar bestens auskannte, aber einfach nicht redete.

Wir warteten also bis Potnik wieder bei Sinnen war und stattdessen Grubert niedersank. Diesmal begannen wir direkt mit Psychoakustik, beschossen ihn mit niederfrequenten Tönen, die zwar vom Gehör nicht wahrgenommen werden, wohl aber den Körper in einen unwohlen Zustand versetzen. Des weiteren schalteten wir hin und wieder die Sirenen oder das Blitzlicht hinzu um ihn abzulenken, doch er schien sich über alles bewusst was wir mit ihm anstellten, und er stellte sich wieder vor dem Spiegel auf und starrte uns entgegen. Er war gut, er verstieß gegen alle Regeln und war nicht zu beugen.

Wir gaben Reizgas in den Raum und stellten ihm dann nach vier Stunden die nächste Frage, diesmal in Bezug auf die Polkappen-Affäre. Wir wussten, dass er eine bedeutende Rolle bei dieser Aktion gespielt hatte, auch wenn offiziell nur die Araber daran beteiligt gewesen waren, und wir hatten Bildmaterial auf dem er eindeutig zu identifizieren war. Sogar in Uniform.

Als wir das Licht einschalteten, bekamen wir gerade noch mit wie er auf die Tischplatte sank. Im gleichen Augenblick fuhr Grubert hoch, spürte das Gas, und übergab sich augenblicklich. Dann kroch er unter dem Tisch hervor und tastete sich zum Spiegel empor. Sein Gesicht war grünlich und aufgedunsen, wie eine ertrunkene Ratte die einige Wochen in der Donau getrieben hatte. Dann biss er sich in die linke Hand, rieb die Rechte im Blut, und begann auf den Spiegel zu schreiben, verkehrt herum, so dass wir es lesen konnten: Bolschewika, Fasciste, Kapitalek, Staliniste, und so weiter. Er ratterte die ganze Palette herunter, alle politischen Feindbilder der Geschichte welche die Partei katalogisiert und gelehrt hatte, einige davon hatte sie selbst schon praktiziert, andere wir. Es war hoffnungslos mit ihm, er war verrückt geworden vor Angst, obschon er während der Marter zumeist ohne Bewusstsein gewesen war. Das Wissen und die Phrasen die man ihm eingegeben hatte brachen nun nach oben, und er schleuderte alles hinaus, ziellos und ohne Sinn.

Als wir ihm eine Weile zugesehen hatten, bemerkten wir durchaus dass er dort mit seinem Blut auch die Informationen an die Wände strich die wir zu untersuchen ihn eingesperrt hatten, aber er schrieb mal hier und mal dort Bruchstücke, und so hatten wir am Ende nicht mehr als durch die chiffrierten Botschaften, die wir von den drei verstorbenen Spionen aus Afghanistan auch vorliegen hatten. Vor uns lag die Ruine eines Berichtes, ein Report der in Fetzen gerissen und neu gemischt worden war, und aus der Zeit des großen Informationskrieges wussten wir, dass die Wahrscheinlichkeit dort sinnvolle Informationen zu extrahieren geringer war als jene, sich falsche oder gar verhängnisvolle Fehlschlüsse einzuhandeln.

Wir bedauerten dass wir ihn dort nicht herausholen durften, denn was für einen Sinn macht es wohl einen Verrückten zu verhören. Aber wie sich zeigen sollte hatte Gruberts Zustand eine tiefgreifende Wirkung auf Potnik.

Dieser nämlich erwachte kaum dass Grubert hintenübergefallen und schlaff auf dem Boden liegen geblieben war. Als er den Kopf hob wirkte er krank, gealtert. Er sah sich um und erblickte Grubert. Seine Nase zuckte angewidert, und er hob Grubert auf und setzte ihn an den Tisch. All dies schien ihm mit einem Mal große Mühe zu verursachen, und als er fertig war sank er nieder und lehnte den Rücken an die Wand. Seine Hände massierten die Schläfen. Der Zeitpunkt schien wie gerufen, und so schalteten wir die Geräte wieder ein, beschossen ihn mit allem was wir hatten.

Potnik zerbrach.

Er stammelte einige undurchsichtige Daten zu den kürzlich in Mailand stattgefundenen Treffen der europäischen Verteidigung herunter und schloss dann mit einigen Namen aus Argentinien. Wir gaben die Informationen an die Zentrale, zweifelnd dass es sich dabei um sinnvolle oder zumindest aktuelle Daten handelte, doch kaum hatten wir alles übermittelt, da erreichte uns umgehend ein Belobigungsschreiben und die Anweisung, Potnik und Grubert ins Lager zu übersenden.

Wir dachten dass damit die Geschichte ein gutes Ende genommen hätte, doch einen Tag bevor die beiden abgeholt werden sollten erreichte uns ein Eilschreiben der Zentrale. Die Südwestfront war zersprengt, die Aufstände im Osten außer Kontrolle, und man habe sich mit der Partei neu arrangieren müssen um gemeinsam die äußeren Feinde unter Kontrolle zu behalten.

Wir entließen Potnik und Grubert an jenem Tag, und als sie aus dem Fahrstuhl stiegen, Potnik ohnmächtig und von Grubert wie ein Kind auf den Armen getragen, da war es als husche ein leises Lächeln über Gruberts Gesicht.