Fliegeralarm. Schon wieder, morgens, mittags, abends, geben die niemals Ruhe? Ich packe mir also den Helm und bringe die Tiere in Sicherheit. Jedesmal das gleiche, ich weiß nicht wie lange das noch so weitergehen wird, aber die Krustentiere beginnen Pläne zu schmieden. Beim letzten Mal habe ich mitbekommen, wie sie von Revolution gesprochen haben, und die Lobster haben dabei mit den Scheren im Sand gewühlt und mit den Fühlern auf den Boden getrommelt.
Von draußen dringt das tiefe Brüllen der Bomber herab, dann irgendwann das Rasseln des Feuers, als das Napalm sich den Weg durch die Straßen bahnt. Vorgestern haben sie den Hauptbahnhof getroffen, ein strategisches Ziel.
Irgendetwas in der Nähe detoniert, das Ächzen des Erdbodens bringt ein paar Eisenträger zum Schwingen und schickt metallisches Wehklagen die Schächte hinab. Das werden die größeren Fische nicht gerne haben, also laufe ich runter und decke die Aquarien mit Uniformen und Schlafsäcken ab.
Als ich wieder nach oben komme, basteln die Lobster schon wieder an ihrer Maschine. Ich werfe dem Ding einen finsteren Blick zu, erinnere mich noch gut an die Kopfschmerzen vom letzten Mal, aber eines der Krustentiere beobachtet mich, und so schaue ich woanders hin und verziehe mich in die Schaltzentrale.
Ich habe die Anzeigetafeln vor zwei Wochen einigermaßen in Gang bekommen, kenne mich eigentlich nicht aus damit, aber nach vier Stunden Bombardement hatte ich irgendwann alle losen Kabel mit den gleichfarbigen Anschlussklemmen verbunden und solange auf den Schaltern herumgetippt, bis endlich die Bildschirme zum Leben erwachten. Eines der Geräte muss fehlerhaft sein, denn statt Buchstaben erscheinen nur Prozentzeichen, aber zumindest kann ich von hier aus die Fluggeschwader und das Abwehrfeuer beobachten.
Das Klappern neben meinem Ohr reißt mich aus den Gedanken. Einer der Lobster sitzt neben mir und notiert die Flugbahnen auf dem Bildschirm. Mir schießt der Begriff „militärische Elite“ durch den Kopf, muss ich in irgendeinem Artikel gelesen haben, aber der Lobster erklärt mir tatsächlich, was es mit den Flugbahnen auf sich hat. Das Abwehrfeuer ist regelmäßig und konstant, es schlägt los, sobald das Fluggeschwader eine bestimmte Distanz unterschritten hat, und endet, sobald es diese Distanz wieder überschreitet. Die Zielverfolgung arbeitet jedesmal gleich, kurzes Folgen, dann Vorausschwenk auf eine vorberechnete Position und Vorlaufen vor dem Ziel. Leider fallen die Bomber darauf schon seit Tagen nicht mehr herein, sie brechen die Formation und fallen hinter das Sperrfeuer zurück. Seitdem sie diese Taktik verfolgen, ist nicht ein einziges Flugzeug mehr vom Bildschirm verschwunden.
Das Resultat dieser Beobachtung, so das Krustentier, ist simpel. Unsere Verteidigung ist gebrochen, die Truppen versprengt. Einzig der Zentralcomputer im Verteidigungskomplex folgt unbeirrt seinem Programm, Ziel verfolgen, Kurs vorberechnen, Sperrfeuer vorlaufen lassen. Er lernt nicht, weil keiner mehr da ist, der ihn lehrt.
Und das wird meine Aufgabe, ich weiß. Die Lobster haben mir das schon seit zwei Tagen vorgelobt, ich habe Finger, ich habe, so ihre Ausdrucksweise, das richtige Interface. Und der Computer vertraut mir.
Der Stratege klopft mir mit seiner schwarzen Schere auf die Schulter. Mich schaudert.
Irgendwann verschwinden die Bomber um nachzuladen, und ich schaffe die Tiere wieder aus dem Bunker. Die Lobster sind nicht begeistert, sie würden lieber an ihrer Maschine weiterkonstruieren, aber es war ja ihre Idee mit der adaptiven Photosynthese, also trage ich sie raus an die Sonne.
Die Luft riecht nach Phosphor, wie immer nach dem Bombardement, aber es mischt sich auch schon ein Hauch der salzigen Meeresluft hinzu. Hinter den Schützengräben liegt die Verteidigungslinie des Innenperimeters, und dahinter das Meer. Die Hummer haben sich in Reih und Glied aufgebaut und spähen dem entfernten Rauschen der Wellen entgegen, ihre Fühler langsam im dürren Wind wiegend.
Hinter dem Bunker brennt die alte Bibliothek aus. Das Feuer sieht aus als würde es aus dem ehrwürdigen Backsteinbau herausplatzen, so viel Nahrung findet es darin. Ich will hier weg bevor die Disketten und Mikrofilme anfangen zu schmoren, also starte ich den Buggy und fahre runter zum Strand. Vielleicht ist einer der Planktontanks getroffen worden, und ich kann den Vorrat für die Tiere auffrischen.
Als ich nach zwei Stunden zurückkomme und die Kanister umfülle, ist von der Bibliothek nur noch das Gerippe übrig geblieben. Irgendwo bei den Schattenwällen findet ein Tumult statt. Ich verschließe also die Tanks und sehe nach was da los ist.
Dass es die Lobster sind habe ich mir schon gedacht, aber manchmal wundere ich mich selbst was in deren eigenartigen Hirnen vor sich geht. Eines der kleineren Tiere klärt mich auf, denn durch das Gedränge kann ich nicht viel erkennen. Die Lobster haben wohl eine Schachtel mit Orden entdeckt und den Inhalt geplündert. Die Orden befinden sich jetzt unter der Verwaltung eines Obristen, und somit ist der Weg frei für Heldentaten aller Art.
Ich verstehe kein Wort von alledem und dränge mich jetzt nach vorne. Einer der Lobster liegt schräg im Sand, dem Anschein nach hat er etwas abbekommen. Neben ihm liegt ein Blech, welches zu einer Art Schutzschild zurechtgeschlagen wurde. Der Obrist steht vor ihm und hält irgendeine feierliche Rede. Als er mich kommen sieht, beginnen seine Fühler aufgeregt zu flattern. Er schnarrt etwas von todesmutigem Einsatz für das Kulturerbe der Neuzeit, der Kamerad habe weder Mühen noch Leben gescheut, um den Flammen der Bibliothek wenigstens einige wenige der unbezahlbaren Schätze zu entreißen, die dort sonst unwiderruflich der Vernichtung preisgegeben wären.
Der verletzte Lobster regt sich jetzt, schiebt mit den Scheren ein Bündel auf mich zu, wobei er sich kaum auf den versengten Beinen halten kann. Ich ziehe das Bündel auseinander, und sehe, dass der tapfere Bursche tatsächlich einige Bücher und Disketten aus der Ruine geborgen hat. Eines der Bücher ist eine Enzyklopädie, aber dann ist da auch ein Bildband über die westlichen Backlands, in denen ich aufgewachsen bin. Eilig klappe ich das Buch auf, und Tränen der Rührung treten mir in die Augen, als ich die Landschaft meiner Kindheit wiedererkenne, vom Krieg noch unversehrt. Ich weiß nicht recht wie ich mich dafür bedanken soll, aber der Obrist hat bereits wieder das Wort erhoben und verleiht dem Verletzten für seinen Einsatz einen Verdienstorden. Seltsam berührt nehme ich an der Zeremonie teil. Später kommt mir die Idee, aus einem der ausgebombten Gewächshäuser im Eastend ein paar UV-Lampen zu holen, damit ich für die Lobster im Bunker ein Lazarett einrichten kann.
Als der nächste Fliegeralarm kommt, sitze ich auf dem Bunkerdach und blättere in meinem Buch, und zum ersten Mal kommt mir die Frage in den Sinn, wofür die Bomber eigentlich überhaupt noch wiederkommen. Die Truppen sind offensichtlich aufgerieben, und der ganze Landstrich ist ein einziges Trümmerfeld, kaum ein Gebäude besteht noch aus mehr als einer Wand.
Trotzdem springe ich herunter und beginne die Tiere in Sicherheit zu bringen. Aus irgendeinem Grund haben die Lobster jetzt eine Notfall-Garde eingerichtet, die am Eingangsschacht Wache hält, bis alle anderen in Sicherheit sind.
Eine Delegation der Lobster stattet zunächst dem Lazarett einen Besuch ab. Seit der Einführung der Orden hat es wie befürchtet einige Verwundete gegeben, allerdings glücklicherweise keine ernsten Schäden. Es scheint dem Obristen wichtig zu sein, dass die Helden nicht nur ausgezeichnet werden, sondern dass sie ehrenhalber auch einige Zeit im Hospital verbringen. Scheinbar verlangt es die Etikette so.
Jedenfalls hat die Arbeit an der Maschine der Lobster wieder begonnen, und wie man mir sagte, steht ein zweiter Testlauf für die heutige Bunkerperiode bevor. Ich verkrieche mich also in die tieferen Gewölbe, wo eine andere Gruppe Lobster ein neues Projekt in Angriff genommen hat. Sie haben ein Gestell entworfen, in welchem die Muränen in der Lage sein sollen, sich selbstständig an Land fortzubewegen. Das ganze sieht mir ein wenig abenteuerlich aus, aber immerhin habe ich mir auch einen Orden verdient, indem ich einen Prototypen für einen Wasser-Atemtank hergestellt habe.
Oben wird die Maschine in Gang gebracht, und sofort bemerke ich wieder das Stechen in den Schläfen. Den Tieren scheint das nichts auszumachen. Ich dachte zuerst, dass sie sich nur nichts anmerken lassen, und habe mich auch verstellt, aber als ich beim ersten Testlauf dann zusammengebrochen bin, waren sie sehr entsetzt und bekräftigten ihre Absichten, die Sache für Menschen schonender zu gestalten.
Ich helfe einer Muräne, die per Losverfahren aus einer Gruppe Freiwilliger bestimmt worden ist, den Atemtank anzulegen, während die Lobster sie in das Gestell heben, welches sie „Landanzug“ getauft haben. Als ich mit der Arbeit fertig bin, und gespannt die ersten holprigen Bewegungen beobachte, zupft eine schwarze Schere an meinem Parker. Es ist einer der Techniker, die oben an der großen Maschine arbeiten, und er bittet mich, mit hinauf zu kommen damit man die Maschine so justieren kann, dass sich die Nebenwirkungen für mich verringern.
Ich zögere einen Moment, da ich zur Stelle sein will, falls etwas mit dem Landanzug schief läuft, aber schließlich siegt doch der Kopfschmerz, zumal ich vorhin gesehen habe, wie die Lobster UV Lampen auch in ihrem Laboratorium aufgestellt haben. Scheinbar wollen sie nun ununterbrochen an der Maschine arbeiten.
Oben sind die Lampen auch bereits in Betrieb, und in dem Raum herrscht ein Klima wie in den Tropen. Zuerst habe ich den unsinnigen Eindruck, als ob die Lobster schwitzen würden, aber dann sehe ich eine Sprenkleranlage, die sie mit frischem Wasser besprüht.
Die Techniker sind überall an dem unförmigen Apparat beschäftigt, und der Obrist marschiert, von einigen ordenbehangenen Generälen begleitet, umher und begutachtet den Fortschritt. Als er mich kommen sieht, weist er die Techniker an, sofort mit der Feinjustierung der Maschine zu beginnen. Ich setze mich also und beschreibe eine Weile, wie ich mich fühle, wann die Kopfschmerzen nachlassen, und wann sie zunehmen. Irgendwann verschwinden sie ganz, aber kurz darauf setzt eine plötzliche Übelkeit ein, worauf einige der Techniker sich zunicken. Schließlich finden sie eine Einstellung, die sich ganz gut ertragen lässt.
Als ich wieder nach unten gehen will, bittet mich einer der Generäle, ihn noch zur Schaltzentrale zu begleiten. Dort haben sie mittlerweile eines der alten Kommunikations-Terminals in Betrieb genommen, und allem Anschein nach haben sie den Kontakt mit dem Zentralcomputer hergestellt. Ein zusätzliches Tastenfeld hängt an dem Terminal, scheinbar so modifiziert, dass die Lobster es notdürftig bedienen können. Ich setze mich vor das Gerät und sehe mir den Bildschirm an. Es scheint wirklich eines der Kommandoprogramme für den Zentralcomputer zu sein, ich probiere einige Sachen aus, aber ehrlich gesagt weiß ich nicht genau, was ich einzugeben habe. Jedenfalls bekomme ich heraus, dass wohl tatsächlich keine Truppen mehr auf dem Gelände sind, was sich laut den Generälen mit den Ergebnissen der Ortungsgeräte deckt.
Als er sieht, dass ich mit dem Terminal ein klein wenig zurecht komme, trommelt der General jetzt einige andere militärische Ränge zusammen, einschließlich dem Obristen, der die ganze Sache überwachen soll.
Dann diktiert er mir einige Kommandos, die seine Gehilfen aus den Bedienungsanweisungen der Schaltzentrale errechnet haben. Der Computer scheint die neuen Anweisungen zu akzeptieren.
Gespannt wenden sich alle nun den großen Anzeigetafeln zu, auf denen eine Simulation eines Bombenangriffs abläuft. Laut der Berechnungen würde es mit diesem Programm gelingen, das Bombergeschwader zu vernichten. Der General erklärt dem Obristen und mir, dass man durch Auswertung der gesammelten Beobachtungen erfahren habe, dass es scheinbar stets das gleiche Geschwader ist, welches uns angreift. So wie der Computer unbeirrt sein Sperrfeuer setzt, so kehrt das Geschwader immer wieder zum Stützpunkt zurück, lädt Treibstoff und Bomben nach, und greift dann wieder an. Offensichtlich muss der Computer der Gegenseite ebenso in einer Schleife gefangen sein, wie der Zentralcomputer auf unserer Seite. Der Obrist ist sehr zufrieden und verspricht Orden, falls die Kriegshandlungen durch den Gegenschlag endlich beendet werden können.
Endlich kehre ich wieder nach unten zu den Arbeiten am Landanzug zurück. Das Projekt scheint trotz meiner anfänglichen Bedenken recht gut zu funktionieren, und die Muränen haben nun ihrerseits einige Experten ernannt, die an der Perfektionierung der Anzüge mitwirken sollen.
Die Nachricht von dem bevorstehenden Gegenschlag hat sich recht schnell verbreitet, und es hält sich hartnäckig das Gerücht, dass der Obrist einige Missionen zur Erbeutung weiterer Vorräte an Orden und Abzeichen genehmigt hat. So irrsinnig wie es klingen mag, alle können es kaum erwarten, bis das nächste Bombardement einsetzt. Um dem Rechnung zu tragen hat eine Abteilung Lobster damit begonnen, Uhren und Lautsprecher an verschiedenen Stellen im Bunker zu installieren.
Als dann endlich irgendwann die Fliegerwarnung durchgegeben wird, bemerke ich zum ersten Mal, dass wir den Bunker seit dem letzten Angriff überhaupt nicht verlassen haben. In all der Betriebsamkeit hat keiner mehr daran gedacht, nach oben zurückzukehren, um der gefilterten Bunkerluft zu entfliehen. Die Tiere scheinen erschöpft, und einige der Hummer drehen sich zuweilen zum Ausgang und spähen sehnsüchtig hinauf, aber jetzt scheinen alle gespannt die Sekunden zu zählen, von den ersten Einschlägen draußen, bis zu dem Zeitpunkt, an dem normalerweise das Sperrfeuer einsetzt.
Auf die Sekunde genau ertönt auch von draußen das Fauchen des Abwehrfeuers, mischt sich mit dem Dröhnen der Bomber und dem Donnern der Bombeneinschläge, dann folgt der Schwenk, als das Sperrfeuer den Maschinen vorauseilt, über den Bunker hinweg, doch diesmal dreht es direkt wieder zurück, und durch die Lautsprecheranlage ertönt das Jubeln aus der Schaltzentrale. Ich renne die Rampe hinauf, und als ich in der Zentrale ankomme, sehe ich wie auf dem Hauptschirm ein Flugzeug nach dem anderen von der Anzeige verschwindet.
Schließlich ist der Bildschirm leer, bis auf den dünnen Faden des Flugabwehrfeuers, welches nach wie vor über den Bunker faucht. Einer der Generäle drängt mich durch die Freudenfeier, die nun ausbricht, zum Terminal, um dem Computer den Abbruchcode zu übermitteln, und das Sperrfeuer zu beenden.
Als dann die Bildschirme nacheinander dunkel werden, und der Jubel ein wenig versiegt, ergreift der Obrist das Wort an der Sprechanlage und hält eine feierliche Rede. Zwei Gehilfen zerren eine neue Schachtel mit Orden herbei. Als die ersten Abzeichen verliehen werden, bemerke ich, dass es sich um Insignien der gegnerischen Truppen handelt, die die Lobster scheinbar irgendwie erbeutet haben müssen, aber letztlich ist dies ja egal, denn schließlich ist das Bombardement beendet, und deren Orden sehen ebenso würdevoll aus wie unsere.
Als wir den Bunker verlassen brauche ich zum ersten Mal die Tiere nicht nach oben zu tragen. Die Hummer haben eine Rampe angefertigt, die jetzt an den Ausgangsschacht geschoben wird, und selbst die Muränen können in ihren neuen Landanzügen nun selbst in die Freiheit marschieren. Also helfe ich, die Patienten aus dem Lazarett nach oben zu bringen.
Der schwere Rauch der abgeschossenen Bomber hängt noch in der Luft, aber ich lade die Invaliden auf den Buggy, und langsam setzt sich der ganze Trupp in Bewegung, um den erkämpften Frieden an der lange vermissten Küste zu feiern.