Der Schwarm

Sie kamen um 11:45. Heuschreckenmänner, Homo Sapiens, nur dass ihre Beine grotesk lang und gebogen waren. Würden sie still verharren, dann hockten sie am Boden, die Beine aufrecht und angewinkelt, die Knie auf Kopfhöhe.

Aber sie saßen nicht still sondern fielen in Heerscharen über die Suburbs her, sprangen und rannten bis zu den Ausläufern der Downtown und plünderten dort einige Supermärkte. Sie sprangen die Kunden an und stießen sie in die Regale. Dann machten sie sich daran, den Inhalt der Gemüse- und Obstabteilungen abzugrasen, einige öffneten gar Konserven und schlangen deren Inhalt herunter.

Um 12:25 war der ganze Spuk wieder vorbei.

Zurück blieb eine schockierte Stadt, Menschen, die fassungslos auf den Bürgersteigen standen und ins Leere gafften. Einige starrten auf die zersplitterten Glasscheiben, auf die umgestürzten Regale, andere hinaus, stadtauswärts, wo sie hergekommen waren. Dann, als die ersten Krankenwagen durch die Straßen heulten, begann der Mob sich wieder aufzurappeln, Männer mit Gewehren oder Pistolen stürmten auf die Straße, die Milizen zeigten, dass sie da waren. Da der Feind die Stadt schon verlassen hatte kletterten sie auf Autos und fuhren zur Stadtgrenze, wütend in die Luft schießend. Dort machten sie halt und verteilten sich auf nahegelegene Kneipen.

Das Ausmaß des Schadens wurde erst mit den Spätnachrichten bekannt, die gesamten östlichen Außenbezirke waren kahlgefressen, ein Stadtpark mit Obstbäumen war zu großen Teilen niedergetrampelt und verwüstet worden. In einem besonders dramatischen Fall hatten die Räuber einem zwölfjährigen Mädchen, welches für seine Mutter einen Wirsing einkaufen sollte, die Haare ausgerissen und es in die leergeräumte Eistruhe geworfen.

Überhaupt hatten die Krankenhäuser eine Unzahl von Einwohnern mit Blessuren von Biss- oder Kratzwunden bis hin zum Schock zu behandeln.

Der Präsident hielt eine feierliche Ansprache und versprach den Einsatz einer Sonderkommission, sowie Schutz durch die Bundespolizei. In den Gebieten, in welchen die Läden geplündert worden waren, sollten kostenlose Sonderbusse die Menschen zum Einkaufen in die unversehrten Stadtteile bringen.

Die Stadt atmete auf, die Sache schien unter Kontrolle und man wusste die Entscheidungsschuldigkeit in jemand anderes Händen und konnte sich dem Alltag widmen. Bereits in den Morgenausgaben der Zeitungen tauchten die ersten Karikaturen auf, in einer Talkshow sprach einer, der Heuschrecken briet und aß.

Um 11:45 gingen dann die Sirenen los. Ein lautes Schwirren riss die Stadt aus der voreiligen Ruhe. Die Feinde waren zurück und diesmal kamen sie von Norden her und bahnten sich ihren Weg in die Weststadt, wo die Kornkammern noch voll waren und die Menschen sich in Sicherheit wiegten. Die Leute gerieten in Panik, Milizen und Faschisten griffen zu den Waffen und Krieg fand statt. Die Heuschreckenmänner hatten dieses Mal allerdings ebenfalls schwerere Geschütze aufgefahren. Einige hatten sich aus bisher unbekannter Quelle mehrere Kanister mit Napalm beschafft und entleerten diese über den Gärten und Parks. Sie plünderten hart und unerbittlich, was sie nicht fraßen zertrampelten sie, die Konserven stachen sie auf und warfen sie in den Fluss.

Gegen 12:40 war wieder alles vorbei. Sie flohen zu tausenden aus der Stadt und zogen sich zurück.

Der Präsident war erbost, alle TV-Sender strahlten nun Sondersendungen über den Überfall aus und die Nationalgarde rückte an. Flakgeschütze wurden an allen strategischen Punkten der Stadt aufgefahren, Panzer hielten sich auf der Umgehungsstraße bereit. Aufklärungsflugzeuge wurden ausgeschickt, um das Hauptquartier der Heuschreckenmänner ausfindig zu machen.

Die Vorbereitungen liefen den ganzen Nachmittag und gegen Abend hatte man einen Plan gefasst. Helikopter brachten Gemüse von außerhalb und schichteten es im Stadion zu einen großen Haufen auf, während man auf den Tribünendächern große Stahlnetze bereitlegte. Eine Sondereinheit der Armee legte sich in den Pressekabinen auf die Lauer, installierte Maschinengewehre und Mörser.

Am frühen Morgen wusste der Kommandostab, dass er nicht wusste, wo sich das Versteck der Räuber befand. Man schickte Scouts und Spähpanzer, doch auch diese sollten nicht fündig werden.

Über den Rundfunk wurde die Bevölkerung aufgefordert sich um 11:00 in die Keller zu begeben und die Türen zu verschließen. Ebenfalls sollten so viele Nahrungsmittel wie möglich in Sicherheit gebracht werden.

Als die Uhrzeit auf Viertel-vor-Zwölf vorrückte kauerte sich die Stadt zitternd in die Winkel ihrer mageren Vorratskammern.

Punkt 11:45 gingen bei der Polizei die Notruftelefone. Die Verbrecher hielten eine Erpressungsansprache und forderten zehn Milliarden, sowie ein Gebiet von zweihundert Quadratkilometern Land, um einen unabhängigen Staat zu gründen.

Der Präsident wurde cholerisch und musste für einige Stunden ins Hospital eingeliefert werden. Im Stab diskutierte man derweil heftig über die Forderungen und Möglichkeiten, diese zu umgehen. Einige Kabinettsmitglieder begannen von Evakuierung zu sprechen, aber als der Präsident wieder zurück im Rathausbunker war, ließ er keinen Zweifel daran, dass er nicht vorhatte dem Feind das Feld zu überlassen. Er tätigte einige Telefongespräche und am frühen Abend trafen etliche schwer bewachte Tanklastzüge in der Stadt ein. Die Nahrungsmittel im Stadion wurden mit einem Cocktail aus Pestiziden und Altlasten aus Militärbeständen vergiftet und dann mit Lastwagen vor den Stadtgrenzen abgeladen.

Währenddessen verbreitete sich die Nachricht von den ersten Hungeropfern und die Heilsarmee richtete in der Stadthalle eine Großküche ein. Arm und Reich, Bettler und Großaktionär standen Schulter an Schulter um Brot und Suppe für sich und ihre hungernden Familien zu bekommen.

In der Hauptstadt ratifizierte man einen Beschluss über einen möglichen Nuklearwaffeneinsatz.

Als es 11:45 wurde war die Stadt mit den Nerven am Ende. Die einen hockten in den Kellern, die Arme über den Kopf gelegt, die Augen geschlossen, die anderen mit geballten Fäusten in blinder Ohnmacht zum Himmel starrend.

Sie waren pünktlich, und sie waren mehr geworden. Ein unüberschaubarer Ozean aus Heuschreckenmännern ergoss sich langsam vom Horizont bis vor die Stadtgrenze. Der Präsident hatte dem Militär Einhalt geboten, der Feind kam langsam, nicht hektisch und zielstrebig wie sonst. Vielleicht wollten sie verhandeln, ansonsten würden sie sich vielleicht erst an den vergifteten Lebensmitteln vor der Stadt stärken, bevor sie angriffen.

Schließlich hatten sie die Stadt vollständig umschlossen, hockten da, die Hände auf den Boden gestützt und begannen nun mit ihren Sprungbeinen über den Asphalt zu kratzen. Das ging eine geraume Zeit so, und dass Geräusch umhüllte die Stadt, drang hinein bis in die tiefsten Straßenschluchten, durch die Mauern, die Betonböden, bis in die Keller und die zitternden Herzen der Einwohner. Kinder begannen zu weinen, Erwachsene schrien.

Schließlich drehte irgendein Oberst durch und gab den Schussbefehl. Von einem Augenblick auf den nächsten ging die klare Front in Chaos über, die Panzerfahrzeuge feuerten wild in den Schwarm, die Angreifer sprangen in einer gewaltigen Woge auf die Stadt. Die ersten Reihen fielen, doch die nachfolgenden sprangen über sie hinweg, warfen ihre Leiber vor die Gewehre der Verteidigungsarmee, bis sie das Feuer erstickten. Die Panzer drehten sie auf den Rücken, die Gewehre aber ergriffen sie und feuerten auf die entsetzten Soldaten. Einige packten sich die vergifteten Gemüse und stopften sie in gefangene Menschen hinein.

Aufklärungsflugzeuge kreuzten über der Stadt, doch einige Tiefflieger wurden von den Heuschreckenmännern angefallen und zum Absturz gebracht. Als sich um 12:45 ein Teil des Schwarmes abteilte und über die Autobahn in Richtung der Hauptstadt vorrückte drückte man dort zähneknirschend den roten Knopf.

Die Marschflugkörper waren in fünf Minuten am Zielgebiet. Die Pilzwolke löschte die Stadt und die Gebiete rundherum vollkommen aus, die Schockwelle fegte die Heuschrecken von der Autobahn.

Um 12:55 war von der Stadt nur noch ein schweigender Aschehaufen übriggeblieben. Zweihundert Quadratkilometer Land wurden von der Karte gestrichen, und die Menschen in der Hauptstadt trugen zwei Jahre lang Atemschutzmasken.