Gefroren

Ich war erfroren. Mein Gedächtnis war vollkommen clean, ich konnte mich an nichts mehr erinnern, und nur langsam kehrten die Dinge in meinen Kopf zurück. Es begann ganz weit hinten, am Anfang, dort, wo alles noch im düsteren Schleier zeitlicher Distanz verborgen lag, wälzte sich in mein Bewusstsein, immer weiter zur Gegenwart hin, aber dennoch viel zu langsam, meine Synapsen waren unruhig, mein Körper fror in der Leere, ich brauchte die Informationen schneller, sonst ertrank ich im Jetzt.

Als mein Körper die Grundgesetze der Bewegung wiedererlangt hatte stellte ich fest, dass sie nicht mehr galten. Ich war gefangen in meinem Körper, hatte die Kontrolle verloren. Ich war so abgeschnitten, dass ich nicht einmal etwas fühlte, es war als schwebte ich irgendwo tief in dieser Hülle aus Knochen und Organen.

Dann reagierten plötzlich einige Muskeln wieder, eher ein Reflex, und auf einmal stach ein gewaltiger Regenbogen in mein Wesen hinein, schillernde Farben, die ich nicht zu ordnen in der Lage war. Ich sah Dinge durch mein Blickfeld huschen, kaum wahrnehmbar, sah Dunkelheit und matte Helligkeit sich abwechseln, wusste dann, dass ich in der Stadt war, tief unten im Straßennetz, in irgendeinem vergessenen Seitenstrang, ausgeraubt bis auf die Knochen, denn der letzte grausige Schemen, der in Zeitraffer auf mich zustürzte, etwas griff und wieder im Nichts verschwand, war nur irgendein Penner der sich wahrscheinlich meine Uhr geklaut hatte. Mittlerweile wurden mir weitere Empfindungen bewusst, Lärm, der in meinem hohlen Schädel einher hallte, sich an den nutzlosen Rezeptoren spiegelte und alle Signale durcheinander warf. Es tat weh, auf eine furchtbare Art, bis endlich der körperliche Schmerz eintrat und das Neonchaos in meinem Hirn verdrängte.

Je stärker ich die brennende Kälte in meinen Knochen und Muskeln spürte, desto langsamer begannen der Rausch der Farben und der ungeordnete Lärm zu werden, und mein Körper begann Blut hinauszuhusten, da war auf einmal der Kern wieder da, freigelegt, alles was ich zum Überleben aufgeschnappt und verinnerlicht hatte. Mit einem Reflex entkrampfte sich mein Arm und riss die Elektroden von meiner Stirn. Nacht.

Als ich endlich aufwachte musste es irgendwo zwischen Midnight und Sechs sein, das Neon war gedämpft, und statt dem Dröhnen von Fahrzeugen war das subtile Hämmern der Subsonics zu hören, Nachts war Disco, überall im Plex.

Ich lag in einem Pool aus Erbrochenem und Blut, und erst als ich mich röchelnd zur Seite drehen wollte, spürte ich wie verkrampft mein Körper war. Ich ließ mühsam die Kabel aus meiner Linken fallen und tastete ungelenk nach dem Player. Weg, hatte irgendsoein Straßenscum mitgenommen. Ich suchte und fand eine Erinnerung an die letzte Disc, die ich irgendwo in der U-Bahn gehört hatte. Ich krampfte die Augen zu, und nach einer Weile fühlte ich die Musik durch meine Adern schießen, rhythmisch, regelmäßig. Mit jedem Beat wich die Anspannung, und als ich die Augen wieder öffnete lag ich auf dem Rücken und sah hinauf in das weiße Rauschen, wo sich Neon und Smog mit ein bisschen Sonnenaufgang vermischten.

Ich wollte aufstehen, kam aber nur bis auf die Knie bis mir schwindelig wurde. Meine Hände waren weiß und ich zitterte am ganzen Körper. Sie hatten alles genommen was sie losmachen konnten, nur meine Kleidung hatten sie nicht gekriegt, weil meine Muskeln wie geschmolzener Stahl verbogen waren. Leichenstarre. Und mein Terminal hatten sie liegen lassen. Keiner stahl einem Netztoten den Link, die Penner fürchteten das Zeug, und die Junkies wussten dass man sich das Hirn grillte wenn man einem Netztoten den Link klaute und an sich selbst ausprobierte.

Ich öffnete die Box und checkte den Inhalt. Patched. Sie hatten das Ego direkt in den Input zurückgeführt, ich hatte in mich selbst geschaut und war in mein Ich gefallen. Als ich es einschaltete sah ich, dass sie außerdem den Amplifier hochgedreht hatten. Ich hatte in einen endlosen Spiegel geschaut, und mit jeder Reflexion war das Bild intensiver geworden. Jason war von so einem Teil gegrillt worden, war ausgebrannt und in irgendeinem Keller verrottet. Ich hatte mächtig Glück gehabt, hatte rechtzeitig den Weg zurück gefunden, raus aus dem Spiegel.

Zwei Straßen weiter fand ich ein Shelter. Als ich das Soja hinunterwürgte sah ich meine Uhr. Der Penner der sie trug beobachtete mich misstrauisch, und ich stand auf und schleppte mich eilig hinaus. Sie waren zu sechst an dem Tisch. Untereinander killen sie sich für ein paar Yen, aber wenn einer von außen einen von ihnen anmacht, dann schlachten sie ihn.

Als ich das Essen unten hatte begann die Kälte schlimmer zu werden. Immerhin wusste ich jetzt wo ich war. Es dauerte eine halbe Stunde bis ich wieder Downtown war, zurück in meinem Wohnsarg. Es war eine Woche vergangen, aber ich hatte damals viel im voraus gezahlt, ich war paranoid und hatte riesige Panik davor, dass sie mich mitten in der Nacht rauszerren und vor die Tür setzen würden.

Ich kroch auf die Liege und reparierte mein Terminal. Dann fixierte ich die Elektroden und erwachte.

Home.

Draußen, wo das Fleisch regiert, war mein Zuhause nur ein drei Quadratmeter Raum in einem Netz aus Beton und Glas, aber hier, wo die Welt aus Gedanken erbaut ist, sehe ich hinaus auf die gleißenden Straßen, sehe den Strom des Lebens, sehe die Avatare der Schöpfer an ihren Terminals.

Eine Woche Koma. Abstrakt. Es wird Zeit herauszufinden wieviel Leben wirklich verstrichen ist.