Hinter dem Lichtschein des Tages

Ich habe wieder von den anderen geträumt, einige meiner alten Vorfahren, sie standen bei ihren Büchern und schrieben, so wie sie immer geschrieben haben, durch die Jahrhunderte hinweg, die meine Sippe hier unten verbrachte. Sie haben uns hier hinabgeworfen und den Zugang mit einem schweren Eisentor in der Decke verschlossen. Unsere Gedanken und Worte taten denen dort oben nicht wohl, und so warf man uns hinab, damit sie an unserem finsteren alten Wissen nicht mehr teilhaben mussten.

Wir waren immer schon Denker gewesen, und Schreiber. Seit wir geschaffen sind schreiben wir unser Wissen nieder, die erste Generation für die nächste, und die nächste Generation für die danach. Durch die Zeiten hinweg hielten wir fest was wir wussten, und unser Wissen wuchs und wuchs, denn nichts anderes unternahmen meine Vorfahren als zu denken und zu schreiben.

Seit man uns hierher verbannt hat, wurde kein Wort mehr gesprochen, einzig die Bücher füllten sich über die Jahre, die Eltern schrieben nieder und die Kinder lasen. Als es kein Licht mehr gab, schrieben auch die Kinder nur mehr, und keiner las die ledernen, kupferbeschlagenen Werke, von den Ersten abgefasst.

Und nun, da ich der letzte bin, der letzte Ahn dieses uralten Sprosses, nun schreibt hier niemand mehr in diesen Katakomben voller Bücher, denn was niemand liest muss nicht mehr geschrieben werden. Wir haben Sprachen erschaffen, neue Schriften, die oben leben könnten unsere Worte niemals mehr entschlüsseln, so kompliziert und tiefgreifend ist unsere Kenntnis über die Welt geworden, und von meiner eigenen Sippe bin ich der letzte, der noch ist. Die letzten Kerzen haben meine Brüder verbrannt, im eifrigen Verfassen großer Werke, und in der Dunkelheit schrieben sie weiter, bis ihnen der Atem versagte. Ich kann sie ertasten, ihre brüchigen Knochen, zusammengekauert über den staubigen alten Seiten, die Schädel niedergesunken auf das Blatt, und den Federkiel, mit den deformierten Fingern schon eins geworden.

Ich streife oft über ihre alten, schweren Bücher, denn was sie schrieben ist was sie waren, der Grund ihrer Existenz, und in den dicken, ledernen Werken liegt all das Leben verborgen, das sie jemals hatten.

Meine Knochen sind lang und verbogen, und ich werfe die Bücher oft nieder wenn ich sie nur berühre. Es kostet mich Stunden sie wieder auf ihren Platz zu legen, und dennoch öffne ich sie oft und blättere in den knisternden Seiten. Und wenn ich beginne die alten Träume meiner Familie wieder auferstehen zu lassen, dann geht ein Rauschen durch die verlassenen Hallen, ein Tosen wie von einem gewaltigen Sturm, der an allem Lebenden zieht und zerrt und nur die Bücher mit dem alten Wissen meiner Väter halten ihm stand. Und dann sehe ich sie einher ziehen in den leeren Säulengängen, den Katakomben und Grabkammern, den tiefen Korridoren, in ihren staubigen Kutten und ihren schweren, unförmigen Stiefeln, und ihr Atem geht in einem Takt, in einem Rhythmus, und von ihnen weht der Sturm böser Geheimnisse durch die Zeiten und hallt in den ausgestorbenen Gängen wieder bis in die Gegenwart.

Ich schlage nur noch selten eine Silbe in den alten Zählstein, ich habe unsere alten Kalender aufgegeben, denn es gibt niemanden mehr, der die Riten noch feiert und den vergessenen Gründern vom Leben der Neugeborenen berichtet, keiner, der die alten Sarkophage noch zu öffnen vermag außer mir. Und der Stein ist voll von Kerben und Linien, es bleibt nicht viel Platz mehr, und deshalb zähle ich die Tage nicht mehr oft.

Vor vielen Tagen einmal stürzte ein Kind in die alten Gänge hinab, bis in die tiefsten Hallen, in denen ich umhergehe. Ein kleines Mädchen war es, und ich weiß nicht wie es sein kann, dass sie hinabfiel, denn der einzige Eingang ist versperrt durch das Tor, und ich weiß, dass Wachen dort stehen und seit ewigen Tagen darauf acht geben, dass niemand meiner Familie mehr hinaus ins Tageslicht gelangen kann.

Noch unheimlicher als ihr Auftauchen aber war wohl der Umstand, dass ihr außer ein paar hässlichen Schrammen nichts zugestoßen war, denn die Gewölbe waren tief unter der Oberfläche und die Decken hoch. Sie hatte eine Kerze, und so konnten wir uns gegenseitig erkennen. Sie versuchte zu fliehen, aber ich kannte die Gänge und war ihr immer eine Biegung voraus, bis sie schließlich aufgab und sich in eine Ecke kauerte. Ich konnte ihr nichts sagen, um ihr die Angst zu nehmen, denn meine Worte hätten wie die eines Tieres geklungen für jene, die nicht unsere Gene teilen, aber ich setzte mich und wartete bis sie verstand, dass ich ihr nichts antun wollte.

Sie deutete ständig nach oben und redete leise und weich, und ich nahm an, dass sie zur Oberfläche zurückkehren wollte.

Ich schritt langsam voraus, die Kerze überließ ich ihr, meine Hände hätten sie kaum halten können und sich sicherlich furchtbar daran verstümmelt. Hin und wieder sah ich mich um, zu sehen ob sie noch hinter mir war, aber offensichtlich war ich viel zu langsam um sie hinter mir im Dunkeln zurückzulassen.

Um die Schreibkammern führte ich sie in weiten Bögen herum, denn ich fürchtete dass das Kerzenlicht die fadenscheinigen Pergamente entzünden könne, und nachdem ich sie einmal dabei ertappte, wie sie in eines der Gewölbe hineingeleuchtet hatte, schien sie eine unbändige Furcht vor den großen Torbögen zu verspüren und ging von da an nur noch in der Mitte der niedrigen Korridore.

Von Zeit zu Zeit kontrollierte ich die Menge an Wachs, die noch verblieb um das Kerzenlicht weiter anzufachen, doch kannte ich den Weg aus meiner Jugend und wusste, dass die Kerze den Weg mehrmals hätte überleben können.

Irgendwann begann sie vor Angst oder Einsamkeit leise zu singen, und mit einigem Widerwillen erkannte ich die Melodie eines uralten Grabgesanges wieder und stimmte langsam ein. Die, welche dort oben noch lebten, mögen meine Sippe und ihre lästerlichen Geheimnisse hier hinunter verbannt haben, die Erinnerung an unsere ältesten Verse jedoch schien sich ihren eigenen unabdingbaren Weg in ihre Herzen zurück gefressen zu haben.

Ich hoffte sie wusste nicht was sie da sang, selbst wenn sie zweifelsohne einen nichtssagenden Text darüber gedichtet hatten, denn schon bald spürte ich das leise Rufen aus den Tiefen der Gewölbe, und die schweren, unrhythmischen Schritte, das heisere Schleifen der alten Roben auf dem blankpolierten Stein der Korridore, und ich brauchte mich nicht umwenden um sie bei mir zu wissen, die längst begrabenen Träume meines alten Volkes. Ob das Mädchen sie sah erfuhr ich nie, noch ob sie weiter sang oder nur noch stumm vor Erschrecken mit einher wanderte, inmitten der grausigen Prozession meiner verstorbenen Väter. Manchmal konnte ich ihren Atem hören, wenn der Sturm nicht heulte und klagte, und als wir das Tor erreichten half ich ihr ungelenk hinauf.

Einen Moment lang hielt sie meine Hand umklammert, als wolle sie mich mit hinaufziehen, dann wurde das Tor aufgetan und man hob sie hinaus. Ich fühlte ihre Augen durch das blendende Licht hinabschauen, auf meine gekrümmte, schreckliche Gestalt, die jetzt im Angesicht des Tages gewiss den letzten Hauch vergangener Würde und Macht über die Erden verlor.

Als das Tor wieder verschlossen war, fand ich am Boden ihre Kerze, der Docht glomm noch, und es gelang mir, die Flamme neu zum Brand zu verhelfen. Ich brachte sie hinab in die Gewölbe meiner Brüder, und ich stellte sie auf ihren Tisch, und manchmal kehren sie wieder, wenn ich in stillem Schweigen die alten Pfade gehe, vorbei an den Sarkophagen, und meine Schritte die alten Figuren beschreiten, die Wege des Sturmes wieder erbeben lassen, wenn die alten Riten sich von neuem vollziehen, so wie sie es seit Jahrhunderten getan haben. An einigen dieser Tage kehren sie wieder, und ich sehe, wie sie ihre leblosen Köpfe von den knisternden Seiten heben, und ihre Sätze weiter in das alte, verblichene Papier schreiben.

Und ich bin der letzte Spross meiner Art, der letzte Bewahrer des alten Wissens, der einzige, der noch die Vorfahren zu ihrer Prozession ruft. Und in der Dunkelheit sitze ich und harre der Zeit, und wann immer die kleine Kerzenflamme an den kupfernen Beschlägen der Bücher reflektiert, sehe ich ihre Augen, wie sie aus dem Licht des Tages zu mir hinabsehen, und ich weiß nicht, ob sie mich rufen oder verjagen, und wie große, müde Insekten kreisen meine Träume nur noch um

sie.