Heute Nacht sind mir im Traume beide Beine ausgefallen.
Als ich erwachte, sah ich sie vor dem Bett stehen, der linke Fuß ungeduldig auf den Boden tippend. Die Enden der Oberschenkel waren mit Haut überzogen, keine Wunde, kein Blut, kein Anzeichen, dass sie je zu mir gehört hatten.
Ich griff nach ihnen, doch sie wichen zurück und eines trat mir auf die Finger. Dann liefen sie fort.
Ich überlegte und stellte fest, dass ich vielleicht nie Beine besessen hatte, dass alle Menschen wohl nie Beine gehabt hatten. Zufrieden, dass nichts mir fehlte, wälzte ich mich aus dem Bett und versuchte mir die Schuhe anzuziehen, die da warteten.
Und als ich erwachte, da schmerzte mir der rechte Arm, bis in die Schulter hinein, und den Rest meines Körpers fühlte ich nicht. Hinzu kam, dass ich mich nicht rühren konnte, ich wollte mich drehen und auf den Rücken rollen, da ich annahm, auf meinem Arm zu liegen und ihn in einem ungesunden Winkel zu quetschen. Ich spürte jedoch keine Bewegung und musste wohl annehmen, dass mir der ganze Körper mit Ausnahme des Armes eingeschlafen sei.
Also begann ich, mit dem Arm tastend, mich zu orientieren, ich fühlte die Decke und dann meine Brust. Merkwürdigerweise konnte ich meine Hand flach auf den Brustkorb legen – das Herz schlug – ohne dabei den Arm in irgendeiner Weise anzuwinkeln.
Ich wurde unruhig, da der Gedanke nahe lag, dass irgendetwas gebrochen sei, und ich tastete mich zum Gesicht vor. Meine Finger fühlten die kühle Haut des Gesichtes, aber das Gesicht fühlte nicht die Berührung der Hand, war taub. Ich drückte vorsichtig die Augenlider nach oben, und meine Augen fokussierten sich.
Ich erschrak.
Mein rechter Arm lag zitternd vor mir auf dem Kissen, abgetrennt an der Schulter, und kroch nun wie ein erschrecktes Insekt einige Zentimeter rückwärts.
So lag ich eine Weile starr vor Entsetzen, überzeugt davon dass etwas Unglaubliches sich zu ereignen im Gange war, und dass einfaches Warten schon eine Erklärung, eine Lösung, am einfachsten vielleicht eine Reparatur meines Körpers einleiten würde.
Nichts geschah jedoch, und so begann ich schließlich verzweifelt mit dem losen Arm den restlichen Körper zu betasten. Rasch entwickelte ich ein neues Bewusstsein für das abgetrennte und scheinbar nun unabhängige Körperteil, und nach einigen Bewegungen schon wusste ich es rasch und zielsicher zu bewegen. Wie eine Raupe stützte ich Hand und Schulter auf, ließ dann die Hand vorwärts laufen und krümmte den Arm von neuem auf.
Bei meinen Erkundungen fiel mir der Arm einmal vom Bett hinunter, und ich war der Verzweiflung nahe in dem Glauben, ihn nun außerhalb meiner Reichweite verloren zu haben. Dann jedoch wurde ich gewahr, dass ja gar nicht der Arm abhanden gekommen war, sondern vielmehr der Rest des Körpers, und dass zudem der Arm sehr gewandt und geschickt in seinen Bewegungen war, ja, es schien fast, als wäre er gar besser dran ohne den störenden Rest.
Es lernte sich schnell nur mit dem Tastsinn und den wenigen, aber ausreichenden Gelenken und Muskeln sich zu bewegen. So stellte ich den Arm auf die Schulter und bäumte mich dann vorsichtig zur Bettkante auf. Nach einigen Versuchen konnte ich die Kante greifen.
Als ich so da hing begann ich zu grübeln wie ich mich hinaufziehen sollte ohne loszulassen, doch schon bald merkte ich, dass ich den Arm, der ohne den anderen Körper ja nun kein großes Gewicht mehr hatte, einfach anwinkeln und hinaufschwingen konnte.
Angeregt durch diese neue und ungewohnte Art der Fortbewegung erforschte ich die Umgebung aus meiner Perspektive, mein Hauptsinn war nun der Tastsinn geworden, und nie hatte ich auf die vielen Nuancen geachtet, die kleinen Temperaturunterschiede und die Beschaffenheit von Oberflächen, welche sich damit wahrnehmen ließen, wenn man sich nur genügend darauf einließ.
So verbrachte ich eine gute Weile damit meine Umgebung zu untersuchen, kroch hierhin und dorthin, alles befühlend und neu analysierend. Bald schon störte mich das langweilige Sichtfeld meiner Augen, und ich wanderte zum Kopf hinüber und drückte sie wieder zu. Nun konnte ich meine Wahrnehmung noch besser auf meinen neuen Körperzustand konzentrieren. Die Finger waren zu meinen Augen geworden, die feinen Härchen auf dem Rücken meiner Hand zu meinen Ohren.
Als ich nun so umherzog und all die neuen Eindrücke in mich aufnahm, da verspürte ich irgendwann eine zunehmende Steifheit meiner Gelenke, und eine Taubheit in den Muskeln. In meiner Panik dachte ich zunächst, nun würde mir auch noch dieser neue, vorzügliche Körper absterben, doch schon bald wurde mir ein neues Gefühl bewusst, kein konkretes, nur ein unbestimmter Impuls, eine Art von merkwürdigem Hunger.
Ich eilte zu dem leblosen Körper zurück, stolperte einige Male, da ich zunehmend unbeweglicher wurde. Am Ende zog ich mich erschöpft zu der Stelle hin, an der ich einst angeschlossen gewesen war. Ich wusste was zu tun war, ein uralter Nahrungsinstinkt musste dem Arm innewohnen.
Ich betastete die offene Stelle am Körper und kratzte daran herum bis ich Feuchtigkeit spürte. Dann drehte ich mich herum, presste meine Schulter dagegen und trank.
Schon nach kurzer Zeit fühlte ich ein Kribbeln und ein neues Pulsieren in mir. Ich entspannte mich, und als ich mit der Mahlzeit fertig war verstopfte ich die Anschlussstelle am Körper mit Stoff von der Decke, damit mir dieses Vorratslager nicht ausliefe.
Gesättigt und von neuem Leben erfüllt lag ich nun da und dachte daran nun ein kleines Schläfchen zu halten, doch fühlte ich mich keinesfalls schläfrig, eher war ich voller Energie und Tatendrang. Es ist doch eher der Kopf, der schlafen muss, damit die Gedanken in seinem Innern ein wenig zur Ruhe kommen, und sich ordnen können.
Als ich so über die Brust hinweg kroch und den linken Arm berührte, da beschlich mich ein unangenehmes Gefühl, als würde ich etwas vertrautes, aber lebloses berühren, einen toten Artgenossen.
Da fasste ich einen kühnen Plan. Ich machte mich auf die Reise durch die Wohnung, langte schließlich in der Küche an und erklomm den Tisch. Aus einer der Schubladen zog ich ein Brotmesser und eine Schere hervor.
Der Rückweg war recht beschwerlich, da ich beide Werkzeuge zunächst abwechselnd ein Stück des Weges weiterschob. Irgendwann kam mir die Idee die Werkzeuge einfach in den Ärmel meines Hemdes gleiten zu lassen, welcher zusammen mit dem Arm den Körper verlassen hatte und mich nun kleidete.
Bald war ich so wieder auf dem Bett angelangt und schüttete die Werkzeuge neben dem toten Arm aus. Die Operation war beschwerlich, da ich mich mit diesen Dingen nicht sonderlich gut auskannte. Vor allem hielt ich mich lange Zeit bei dem Unterfangen auf, den Schulterknochen zu durchtrennen, bis ich bemerkte, dass es wohl einfacher sei die Schulter einfach ganz aus der Fassung herauszuhebeln.
So lag denn auch schon bald der zweite Arm reglos vor mir, und ich zog ihn rasch zur anderen Schulter hinüber um ihn dort zu füttern.
Voll nervöser Erregung wartete ich ab, lief umher und massierte hier und dort das reglose Fleisch, bis schließlich ein schwaches Zucken durch den Arm ging.
Ein unbeschreibliches Gefühl überkam mich, ich spürte wie mein anderer Teil langsam erwachte, schmerzvoll zu sich kam, und mit jedem Gedanken den ich in den neu gefundenen Teil sandte bemerkte ich, wie dort irgendein Muskel sich spannte oder entkrampfte.
Zunächst war es ein wenig verwirrend als der neue Teil langsam umherfühlte, ich bestand auf einmal aus zwei Stücken, war ein duales Wesen geworden. Meine Rechte half meiner Linken vorsichtig hoch und stützte sie, während diese sich anspannte und rührte, um die tauben Gliedstücke zu reanimieren.
Voller Freude lief ich umher, rieb die Handflächen aneinander, und als ich die Hände faltete, war dies wie eine Umarmung unter Liebenden.
Schließlich begannen wir Pläne zu schmieden, wir wollten bald aufbrechen in die Welt, und nachsehen, ob es nicht auch anderen Armen gelungen war, sich von ihren Wirtskörpern zu befreien.