„Wie viele Silberkugeln haben wir noch?“
„Keine.“
„Sieh noch mal nach! Wir müssen noch welche übrig haben, sieh noch mal nach!“
Es waren keine mehr da, und sie wussten es beide.
„Die letzten fünf haben wir in dieses verfluchte Viech in der großen Höhle reingeschossen! Wir haben keine mehr übrig!“
Schweigen.
„Wir hätten sparen sollen. Wir hätten nicht vier Kugeln für eine Flasche Schnaps tauschen dürfen. Verdammt, wären wir sparsamer gewesen, dann hätten wir jetzt noch welche übrig.“
Der Kleinere zog eine kleine Schachtel aus der Manteltasche und schüttete ihren Inhalt in die Hand.
„Wir haben noch drei Stahlgeschosse...“
Der Größere blickte ihn wütend an.
„Was bitte sollen wir mit Stahlgeschossen? Wir kommen gleich ins Spinnengebiet! Ohne Silberkugeln haben wir keine Chance, die lassen sich von Stahl nicht beeindrucken wenn er nicht zwei Fuß lang ist!“
Er schlug ihm die Kugeln aus der Hand und stapfte weiter. Der Kleinere bückte sich und sammelte die Geschossen vom nassen Höhlenboden wieder ein.
Eine Weile marschierten sie schweigend nebeneinander her, das fahle Licht der Taschenlampe die der Größere trug, tanzte unruhig über den Fels, beleuchtete haarfeine Risse und stumpf geschliffene Vorsprünge.
„Und wenn wir zurückgehen? Die Lunge von dem Viech in der Höhle müsste den Lavaschneidern doch ein paar Silberkugeln wert sein, oder?“
Der Größere schnaubte.
„Klar, geh zurück. Idiot. Die Schneider werden sich den Kadaver schon längst geholt haben, die wissen doch sonst immer sofort wo etwas los ist! Außerdem könnten da noch mehr von den Viechern rumlungern, und ohne Silberkugeln werd ich denen weiß Gott aus dem Weg gehen.“
Der Kleinere nickte und ließ die Schultern hängen. Er tastete erneut seine Taschen ab und stieß einen leisen Schrei aus.
„Ich glaube ich habe noch etwas! Hier, es ist...“
„Ein Tausendfüßler! Ein versteinerter Tausendfüßler... Verdammt, lass mich endlich in Ruhe, ich muss nachdenken!“
Der Größere schwenkte die Lampe wieder nach vorne, trat in eine tiefe Pfütze und fluchte. Der Kleinere starrte den Tausendfüßler an der im Zwielicht schmierige Schatten auf seine Hand warf, seufzte, und steckte ihn in die Tasche zurück.
„Vielleicht können wir ihn eintauschen! He! Wenn wir den Tausendfüßler und drei Stahlkugeln anbieten...“
„Halt endlich den Mund! Ich muss nachdenken!“
Wieder gingen sie schweigend weiter, mal nebeneinander, dann, als der Gang schmaler wurde, hintereinander. Bald erreichten sie eine Stelle an der einige krakelige, dürre Symbole in die Felswand gekratzt waren.
„Spinnengebiet. Und nun?“
„Naja, ich sagte ja, wenn wir den Tausendfüßler und die Stahlkugeln...“
„Niemand gibt auch nur einen Dreck für deinen verfluchten Tausendfüßler, lass mich endlich in Ruhe mit deinem Mist-Tausendfüßler!“
„Entschuldigung, ihr habt einen Tausendfüßler?“
Die Stimme kam aus dem Spinnengang, sie wirkte dünn und heiser, aber irgendetwas in ihr schien belustigt. Der Kleinere reckte den Hals und spähte in den Gang. Er deutete hinein, und der Größere richtete die Lampe in das Dunkel.
„Ja... und drei Stahlkugeln.“
„Und ihr wollt Silberkugeln?“
„Ja.“
„Das dachte ich mir. Jeder will Silberkugeln. Ich habe Silberkugeln, viele Silberkugeln...“
Langsame Schritte klangen hohl aus dem unheimlichen Tunnel heraus, und dann erschien eine dürre Gestalt, von Kopf bis zu den Füßen in dunkle Lumpen gehüllt, nur das Gesicht starrte grellweiß aus der düsteren Silhouette hervor. Das Klappern der brüchigen Stiefel stimmte auf beunruhigende Weise nicht mit den Bewegungen der Gestalt überein, und als sie schließlich vor den beiden Wanderern stand, stieß sie ruckartig ihren Kopf vor.
„Ein Rätsel!“
Der Größere wich zurück, der Kleinere riss einen Revolver hervor.
Ein heiseres Lachen rang sich aus dem kleinen Mund der Gestalt empor und spiegelte an den Wänden entlang in die Tiefe.
„Ihr sagtet doch schon ihr hättet keine Silberkugeln mehr...“
Der Kleinere ließ langsam die Waffe sinken.
Wieder stieß die Gestalt den Kopf vor, ihre Augen glitzerten listig.
„Ein Rätsel! Ein Rätsel für Silberkugeln!“
Der Größere runzelte die Stirn.
„Wenn wir verlieren nimmst du den Tausendfüßler?“
Der Kleinere zog das versteinerte Tier aus seiner Tasche hervor und hielt es ans Licht. Die Gestalt beugte sich vor und betrachtete das Fossil eingehend.
„Gut. Innen Wissen, außen Blut und in der Mitte Bein?“
„Schädel! Damit haben es die Lavaschneider auch schon versucht... Jetzt sind wir an der Reihe. Du kommst aus dem Spinnengebiet, also: Was ist der Spinnenkönigin größter Schatz?“
Die Gestalt legte ihr Haupt schräg und zischte leise, dann stieß sie abermals den Kopf vor.
„Die Krone! Ihre Krone!“
Der Kleinere schüttelte den Kopf, der Größere lachte.
„Falsch. Niemand weiß, welches ihr größter Schatz ist, denn niemand hat ihn bisher gesehen.“
Die Gestalt wich zurück und sah zu Boden.
„Gut... gut ihr habt gewonnen. Schade um den Tausendfüßler...“
Der Größere grinste.
„Du schuldest uns noch ein paar Silberkugeln, mein Freund.“
„Ich habe unsere Abmachung nicht vergessen...“
Die Gestalt zog einen rußigen Revolver aus ihren Lumpen hervor, und der Widerhall der Schüsse gellte bis tief ins Spinnengebiet herab.