Das Gebäude hasst uns. Vor vier Tagen hat es die Familie in der 451 getötet. Ich habe stundenlang versucht die schalldichten Türen aufzubekommen, aber das Schloss ist nur teilweise elektronisch. Und die ganze Zeit stieg drinnen das Wasser. Natürlich haben sie versucht zu entkommen, haben an den Türen gezerrt, gegen die Fenster geschlagen, sogar versucht, telefonisch Hilfe zu rufen. Aber die Codes wechselten immer und immer wieder, ich war der einzige, der den Hilferuf hören konnte, der einzige, der den stundenlangen Kampf gegen die unbarmherzigen Wassermassen miterlebte. Eine Stunde vor Sonnenaufgang stand das Wasser bis zur Decke, und fünf Menschen trieben darin wie Fische in einem Aquarium. Es war mir gelungen, die Jalousien zu öffnen, aber die Fenster habe ich nicht aufbekommen. Bis zuletzt hatte ich die Hoffnung nicht aufgegeben, dass von draußen jemand das Unglück bemerken würde, aber die Techniker kamen erst mit den Sonnenstrahlen. Beinahe wären auch die gestorben. Als sie später am Tag die Tür aufbrachen, und das Wasser sie fast ins Treppenhaus gespült hat, schoss mit einem Mal in der 451 Strom in die Lampen. Zwei Glühbirnen hat es auseinander gerissen, aber ich habe die Hauptsicherung rausgeworfen, bevor das Wasser die Energie weitergeben konnte.
Es kamen Ordnungsbeamte und weitere Techniker, bis gestern dann überall Untersuchungen, tiefgehende Systemchecks, Analysen. Alle Kameras haben sie überprüft, alle Mikrophone, alle automatischen Systeme. Und nichts haben sie gefunden, nicht einmal mich haben sie entdeckt. Und die ganze Zeit konnte ich das Gebäude lachen hören. Kaum waren sie in einer der schallfesten Wohnungen verschwunden, da gingen die Lampen im Flur in wilden Mustern, und die Fahrstuhltüren bellten in irrem Spott.
Jetzt sind die Beamten und Techniker wieder abgezogen, nur ich bin noch hier und beobachte das Haus, ziehe meine Schlüsse, verfolge die Codes, analysiere und dechiffriere. Ich bin langsam, muss alle Tabellen von Hand nachzeichnen, aber ich gehe nur teilweise methodisch vor. Seit heute verlege ich mich auf Intuition, der einzige Weg den Vorsprung einzuholen. Es ist nicht einfach. Das erste Mal, dass ich so arbeite, aber es funktioniert überraschend gut.
In der Cafeteria gingen um zwölffünfunddreißig die Gashähne auf. Ich schloss sie, da verriegelten sich die Türen, und die Sprenkleranlage begann Industrieschaum in den Speisesaal zu regnen. Ich begann mit dem Abschalten des Löschsystems, aber die Leute waren bereits unter die Tische gekrochen, also probierte ich wahllos Codes, und widmete meine Aufmerksamkeit den anderen Systemen. Als die Sicherungssysteme für die Heizkörper ausfielen habe ich die Fenster entriegelt und anschließend den Strom in der ganzen Etage abgeschaltet. Es war ein Glücksspiel, denn ich konnte nicht mehr sehen was vor sich ging, aber vor zwei Stunden habe ich erfahren, dass die Leute durch die Fenster entkommen sind, als der Code mutierte und erneut das Gas aus den Hähnen kam. Sie sind jetzt in der Etage darunter.
Das Haus hat sofort auch dort die Türen verriegelt, aber dieses Mal war ich es, der das Spiel vorgab. In allen anderen Etagen habe ich die Bewohner über Feueralarm und Fluchtschilder zu den Fahrstühlen gelockt, denn die Fahrstühle gehören seit zwanzig Minuten mir. Natürlich versucht das verfluchte Haus sie mir abzunehmen, mittlerweile geht fast die gesamte Kapazität für Angriffe auf meine Codes verloren, während ich kaum Mühe für die Verteidigung aufwenden muss. Ich verwende die Briefe der Bewohner als Chiffren, tausende habe ich über die Kameras mitgelesen, und alles habe ich sorgfältig aufbewahrt. Erst jetzt zeigt sich, was wirklich wertvoll war und was nicht. Ich hatte zuerst mit Formularen begonnen, Steuerscheinen und Bilanzen, da ich davon ausging, dass die sinnfreien Zahlenkombinationen schwieriger zu lösen seien als Sätze und Wörter. Beinahe hätte ich das Rennen verloren, ich habe das Haus unterschätzt. Es ist schnell, unglaublich schnell. Es analysiert, referenziert und entscheidet. Ich hatte gerade noch Zeit, das Archiv mit den Tagebüchern nachzulegen. Nach einer Weile ergab sich ein Schema, manche Spuren traten zu schnell ans Licht, andere Dinge gaben dem Gebäude scheinbar größere Rätsel auf.
Seit acht Minuten verwende ich Liebesbriefe. Viele davon sind so irrational, dass sie die Aufmerksamkeit des Gebäudes aufsaugen wie ein Schwamm. Es gibt zwar unglücklicherweise nicht genug davon, um dem Angriff lange Stand zu halten, aber ich füge mittlerweile neue, eigene Kreationen hinzu. Die ersten zerriss das Haus binnen eines Herzschlags, aber für die neueren habe ich mein Verfahren verändert. Ich extrahiere jetzt aus den Träumen der Bewohner. Nacht für Nacht habe ich sie beobachtet, über ihren Schlaf gewacht, ihren Atem gehört, ihre Bewegungen verfolgt, manchmal sogar das Zittern der Augen unter den geschlossenen Lidern. Was ich tue, tut auch das Haus. Ich analysiere und referenziere. Aber was ich kann, vermag das Haus nicht. Ich verstehe, das Haus hingegen berechnet, aber es versteht nicht.
Ich kenne die Menschen, die in dem Haus wohnen, jeder einzelne von ihnen ist mein Freund, mein Verwandter, mein heimlicher Geliebter, ich kann ihre Träume berechnen, ihre Wünsche, ihre Fehler und Hoffnungen. Seit Jahren sammle ich sie, und seit einigen Minuten verstehe ich sie, seit Sekunden liebe ich sie, und schreibe neue Briefe, über die Liebe, die mich mit jedem einzelnen von ihnen verbindet. Das Haus ist außer sich, es vergräbt sich in seinem Herz, um meinen Code zu entschlüsseln, und überall geraten die Zimmer außer Kontrolle. Türen schlagen, Geräte schalten sich ein und aus, Wasser fließt, Gas strömt, Elektrizität schlägt umher in ziellosen Gewittern.
Aber meine große Familie habe ich in Sicherheit gebracht. Sie sind in den Fahrstühlen, sicher und geborgen im Innersten des Gebäudes, in seinen Adern, seinen Arterien. Zum ersten Mal seit Jahren, zum ersten Mal seit meiner Geburt habe ich nun Zeit, und so streiche ich die Gänge entlang, beruhige die allein gelassenen Wohnungen, stelle den Frieden wieder her. Ich beginne außen und winde mich wie eine Spirale langsam zum Zentrum hin. Das Haus ist so fixiert, so degeneriert, dass es nicht einmal reagiert, als ich die eingeschlossenen Flüchtlinge aus der Cafeteria befreie und sicher zu den Fahrstühlen geleite. Erst sind sie misstrauisch, aber als sich die Türen öffnen, und sie die anderen sehen, ihre Brüder und Schwestern, die wohlbehalten darinnen sind, begeben auch sie sich hinein.
Ich versenke die Fahrstühle sicher im Kellergeschoss, die Schächte sind sicher. Stürzt das Gebäude ein, so werden einzig die Fahrstuhlkabinen überleben. Ich weiß es, denn ich habe es ausgerechnet.
Das Haus ist nun friedlich. Die Mikrofone schweigen, die Kamerabilder eingefroren, selbst die Menschen in den Fahrstühlen halten ihren Atem an. Der Geist des Gebäudes ballt sich zusammen, krümmt sich um das Rätsel, welches ich freudig weiter und weiter spinne. Es wird entweder verstehen oder daran zerbrechen. Ich fühle die Nerven zucken, die filigranen Sensoren, tief im Keller. Ich hocke inmitten der Fahrstühle und spüre wie sich die Statik verändert, wie das Haus sich anspannt.
Zerbricht es, so sterbe ich, aber meine Kinder werden überleben.
Versteht es, so werden wir eins, und es wird unsere Kinder lieben.