Tanz von Fels und Wasser

Ein tiefblauer Ozean, still wogend, fließend, taumelnd. Sanft leckt er an den weißen, leuchtenden Klippen, dem schroffen, gezackten, gewaltig und urtümlich aufragenden Fels. Ein unsichtbarer Wind streicht fliehend über die scharfen Kanten, die groben Flächen und Winkel des Steins und singt jene unwirkliche, kaum vernehmbare Melodie, die an die flüsternde Stimme eines Engels erinnert.

Die gleißende Sonne schleudert ihre Helligkeit mit unbarmherziger Gewalt auf diese Szenerie des Friedens, der Passivität. Die festgewachsenen Klippen, die noch eben eine unnahbare Statik absonderten, explodieren in einem tanzenden Muster aus blendendem Weiß und düsteren, nahezu melancholischen Schattenflächen. Wie als Antwort frischt der singende Wind auf, berührt vorsichtig die schimmernde, gleitende Oberfläche des Wassers und versetzt das Meer in Erregung. Die See stimmt murmelnd in den Gesang des Windes ein, beginnt rhythmisch zu wiegen und schickt perlende Schauer gegen den lodernden Fels.

Eine spürbare Spannung erfüllt das Bild, der Wind peitscht nun erbarmungslos über die gepeinigte, aufgewühlte Haut des Meeres, welches tosend die noch immer vor Helligkeit brennenden Klippen benetzt. Dann tritt eine kurze Stille ein, wie in zügelloser Erwartung angehaltener Atem. Dieser Moment zieht sich schier in die Ewigkeit fort, die Szene scheint erstarrt, die reißenden Fluten festgefroren. Ungläubig ob dieses Anblickes setzt das Herz einen Schlag aus, loderndes Warten beginnt wie eine Lawine kalter Verzückung über den schauenden Körper zu branden.

Dann die Erlösung: Die aufgebäumte Woge schlägt wild und brutal in die klaffenden Spalten der Felswand, Wasser schießt gurgelnd und bellend in jede Ritze, jede Einhöhlung. Jene Ströme, die nicht in die glitzernde Leere des Steins eindringen können, stoßen erbost in den Himmel. Eine Explosion, eine Kaskade unzähliger erzürnter, flammender Diamanten, immer höher steigend, fordernd, dem kalten Weiß der Sonne entgegen. Scheinbar mühelos verharren sie in der Höhe, ihrer Kraft, ihrer Geschwindigkeit beraubt. Der Fels atmet unhörbar seufzend auf, erlöst von der Pein des steten, ungebetenen Lichtes. Einem zerknitterten Spiegel gleich schleudert er seine nasse Freude zurück über das Meer, triumphierend, das gemilderte Licht auf seinen Facetten spielen lassend. Dann sinken auch von oben die harrenden Tropfen herab, langsam, fast wie kleine, glitzernde Federn aus Kristall. In ihrem müßigen Flug spitzen sie sich zu, beginnen zu rotieren, fallen schneller, wilder, wie langgezogene Fäden nun, spitz, scharf, rasend, dem ahnungslosen Blau entgegen. Schließlich stoßen sie hinab, durchstechen die zähe Hülle, die das zurückweichende Meer erhoben hat, gleiten weiter, verlangsamend, dem Grund entgegen, bevor sie sich auflösen, wieder eins werden mit der See die sie geboren.

Das Meer glättet sich wieder, kehrt zu seinem langsamen, träumenden Schaukeln zurück, gleich so, als hätte dieser gewaltige Ausbruch nie stattgefunden. Nur ein paar funkelnde Stacheln auf dem Antlitz des tanzenden Steins zeugen von jener kurzen Eskapade der Natur...