Heute morgen haben sich im Schlachthof plötzlich die Tiere losgerissen. Es begann mit den Rindern, und zwar zuerst mit denen, die schon geschlachtet worden waren und nun zerlegt und sortiert wurden. Die Arbeiter bekamen einen Mordsschrecken, als sich die Kadaver zuckend an den Ketten zu schaffen machten. Die, welche noch Hälse hatten, begannen wild zu röhren, warnten ihre ahnungslosen Artgenossen auf dem Verladehof vor Bolzenschuss und des Messers Schnitt.
Prompt brach also auch draußen die Hölle los, erst bekam es das wartende Vieh mit der Angst, dann die Arbeiter und Lastwagen. Einige der Tiere überwanden ihre Panik und organisierten eine Stampede, trieben so zunächst die Arbeiter hinter die Wagen zurück, und durchbrachen anschließend die Tore zum Gebäude. Als sie bei den darinnen umherliegenden verstümmelten Rädelsführern angelangt waren, zerrten sie erst einmal die herunter, welche sich noch nicht selbst durch zucken und strampeln von den Haken hatten losmachen können. Anschließend wurde Rat gehalten. Die Kadaver erläuterten die ihnen angelittenen Taten, und auch jene, die ihnen von den glänzenden Instrumenten der Schlächter noch fürderhin angedroht schienen. Es wurde allgemein beschlossen, dass diese Art der Ablebung von nun an nicht länger als angemessen betrachtet werde.
Da sich die Rinder im Klaren darüber waren, dass sie allein niemals die verstockte Bürokratie von ihrer gerechten Sache würden überzeugen können, fassten sie den Plan, auch andere Viecher zu mobilisieren. Boten wurden ausgesandt, um in den nahen Schlachtplätzen zu Schafen und Geflügelsorten von Boykott und Revolution zu sprechen.
Draußen hatten sich mittlerweile Polizei und Veterinäramt ein Bild von der Lage gemacht. Spätestens die Tatsache, dass dort geschlachtete wie ungeschlachtete Rinder gemeinsam in frisch geflossenem Blute beisammen standen verstieß gegen etliche Paragraphen und Verordnungen. Eine vorübergehende Schließung des Geländes konnte unter diesen Umständen durch Polizeigewalt unterstützt werden, eine Regelung, die üblicherweise nur zur Abwehr menschlicher Demonstranten herangezogen wurde. Nun aber, nachdem sich Arbeiter und Aufseher in Sicherheit gebracht hatten, machten sich die Polizeikräfte bereit, Wasserwerfer und Tränengas in Betrieb zu setzen. Über den Einsatz von Schlagstöcken wurde heftig gestritten, zumal man die Wirksamkeit angesichts der robusten Körperstruktur sogar bei weitgehend ausgeweideten Rindern in Zweifel zog. Letztlich wurde Erlaubnis erteilt, Schocklanzen einzusetzen, um die möglicherweise uneinsichtigen Tiere durch Stromstöße auf Distanz zu halten oder zu betäuben.
Die ersten Boten, die den Schlachthof verließen, wurden so auch prompt überwältigt, verladen und zu unbestimmtem Orte abtransportiert. Als die Rädelsführer dieses Umstandes gewahr wurden, änderte man die Taktik. Es gelang den Rindern, einige der Generatoren zu beschädigen, welche die Anlage mit Elektrizität unterhielten, und aus den hervorgerissenen Schläuchen befüllten sie einige kleinere Reinigungsfahrzeuge, die im Regelfall dazu dienen, Wasser und Chemikalien zu versprühen.
Als schließlich die Polizei zum Haupttor vorrückte, wurde dieses von innen aufgestoßen, und unter triumphierendem Brüllen wagten die Rinder den Ausfall. Die Reinigungsfahrzeuge wurden dabei in erster Reihe und an den Flanken vorangestoßen. Die Sprühvorrichtungen waren auf irgendeine Art in Brand gesetzt worden, so dass die qualmenden Karren wie eine wild lodernde Feuerwand auf die entsetzten Polizisten zurollten. Geistesgegenwärtig versuchten einige Beamte, der Flammenlawine mit den Wasserwerfern Einhalt zu gebieten, aber die Tiere trieben die brennenden Gefährte so eilig nach vorn, dass bereits das erste Löschfahrzeug detonierte, noch bevor es einen einzigen Strahl hatte verschießen können. Die Formation brach, und den Polizisten blieb nichts, als sich in Deckung zu bringen, bevor sie noch durch Huf oder Feuer zu Schaden kamen.
Einige Motorräder folgten der aufgebrachten Herde, und nach einer Weile übernahmen Helikopter die Beobachtung des Rinderzuges. Das Vieh bahnte sich seinen Weg zu den einige Meilen entfernt liegenden Schaftötereien. Vereinzelte Versuche, den Weg der Meute zu blockieren oder zumindest auf Umwege zu leiten, wurden zornig vereitelt. Als man letztlich in einer Notproklamation den Einsatz des Militärs gegen die außer Kontrolle geratenen Tiere gebilligt hatte, waren diese bereits an der Schafschlachterei angelangt und hatten nach kurzem Gefecht das Haupttor eingerannt. Zwar waren die Schafe am Anfang voll ungläubigem Misstrauen, aber nachdem sie der Greuel hinter den eisernen Fabriktoren ansichtig wurden, schworen sie, sich der Sache der Rinder unbedingt anzuschließen.
Mittlerweile hatte sich das Militär eine Strategie zurechtgelegt, und rund um die Anlage Maschinengewehrnester einrichten lassen. Munitionstransporter standen bereit um ein reibungsloses Sperrfeuer zu gewährleisten. Kommandanten und ordenbehangene Generäle marschierten hinter den Reihen und verlasen letzte Befehle, oder spornten die Truppen an. Im Hintergrund fuhren Panzerfahrzeuge auf, um im schlimmsten Falle die ganze Fabrik einzuschießen, doch wollte man sich auf diesen Plan nur zurückziehen, falls sich die Tiere wider Erwarten erfolgreich vor den Maschinengewehren verschanzen sollten. Die Anlage war kostspielig, und ihr Verlust würde dem Senat eine hübsche Menge Ärger mit der Nationalregierung bescheren.
Einige wagemutige Schafe entschlossen sich, unter Missachtung der Gefahr einen Durchbruch zu versuchen, um so Verwirrung zu stiften und einen neuerlichen Ausfall zu ermöglichen. Keine zehn Fuß vor den Toren wurden sie von den Maschinengewehren in Fetzen geschossen. Als das nachfolgende Wutgeheul aus der Schlachtanlage langsam verklungen war, setzten Militärpsychologen mit Megaphonen und Verstärkern an, den Tieren die bedingungslose Kapitulation schmackhaft zu machen. Da man sich nicht verlässlich auf einen Sprachmodus hatte einigen können, bemühte man sich, mit vereinzelt eingestreuten „Muh-“ und „Bäh-“ Lauten die Aufmerksamkeit der Tiere zu erwecken.
Während einige der Rinder an den Fenstern und Toren Interesse heuchelten, begann drinnen ein fieberhaftes Treiben. Einige der Schafe hatten während ihrer Peinigung Einblick in die Funktionsweise der Maschinen erlangt, und einem der Rinder war es während des Transportes gelungen, auf einem Rastplatz einen Spediteur bei der Reparatur seines Lastwagens zu beobachten. Nachdem sich zahlreiche Tiere anfangs unangenehme Stromschläge an den Motoren abgeholt hatten, gelang es ihnen nach einiger Zeit schließlich, vier der großen, aufgeschnittenen Rinderkadaver technisch so mit den Motoren von Lastwagen zu verbinden, dass diese durch das zerren an Adern und Sehnen in der Lage waren, die Fahrzeuge zu kontrollieren.
Unter den Schafen hatte sich indessen eine eingeschworene Gruppe von Tieren zusammengefunden, die ihre Bereitschaft erklärten, ihr Leben für die gerechte Sache zu opfern. Sie hatten Köpfe und Vorderbeine mit Rinderblut rot gefärbt, und erläuterten Stolz ihren Plan, mit ihren Leibern den verletzlichen Reifen der Lastwagen Schutz zu gewähren. Zwar stieß dieses wahnwitzige Vorhaben auf großen Widerstand bei den Rädelsführern der Rinder, aber letztlich konnte keine erfolgversprechende Alternative entwickelt werden.
Nach einem Moment angespannter Stille, als gerade die Megaphone ihre Propagandabemühungen wieder aufnehmen wollten, erklang aus der Schlachterei das Knattern und Fauchen großer Motoren. Verwirrt gemahnten die Generäle ihre Truppen, das alles in Stücke zu schießen sei, was einen Ausbruch aus dem Gebäude unternehme, da raste bereits der erste Transport aus der Toröffnung, flankiert von den Kamikazeschafen, die blutroten Köpfe stolz erhoben, und dicht neben den großen Rädern einher springend.
Als die Soldaten nach einem Moment der Verwirrung den Feuerbefehl erhielten, stürmte unerwartet eine weitere Gruppe von Schafen hervor, die sich spontan entschlossen hatten, ihrerseits die Radschützer vor dem ersten Kugelhagel zu retten.
Als der zweite Lastwagen die Fabrik verließ, musste der erste bereits seinen Kurs ändern, um nicht durch einen Wall blutiger Schafskadaver zu rollen.
Die Generäle erkannten nun die Märtyrertaktik, und wiesen ihre Truppen an, ihr Feuer auf die Räder der Transporte zu konzentrieren. Hinter den Reihen schrien die Kommandanten bereits die Munitionswagen und Panzer herbei.
Der zweite Transport geriet ins Schwanken, als durch das Sperrfeuer gleich zwei linke Reifen beschädigt wurden, da brach auf einmal der dritte Lastwagen durch ein geschlossenes Seitentor aus dem Gebäude hervor, riss herum und raste mit tollkühner Geschwindigkeit auf die Soldaten zu. Diesen gelang es nicht rechtzeitig die Gewehre zu schwenken, und mit einem hässlichen Kratzen und Scharren überrollte der schwere Wagen zwei der Maschinengewehrnester, beschleunigte dann noch weiter, und steuerte in einer geschwungenen Bahn die nächsten Gewehrposten im Verteidigungswall an.
In seinem Schatten verließ nun auch der letzte Transport das Gebäude, und gelangte unbehelligt bis zur vorderen Linie der Soldaten. Einer der Panzer verschoss eine Granate, die jedoch ungezielt in die Fabrik einschlug, und einen der Dachgiebel zum Einsturz brachte. Die zweite Granate aber erwischte den wildgewordenen dritten Transport, der mittlerweile das fünfte Maschinengewehr in Trümmer gefahren hatte. Aus dem brennenden Motorblock bäumte sich der gehäutete Kopf des Navigators auf, und der Lastwagen brach von seinem Kurs, hielt nun geradewegs auf den feuernden Panzer zu, überschlug sich, und prallte mit dem Dach gegen seinen Übeltäter.
Nachdem der vierte Lastwagen sich seinen Weg erfolgreich durch Munitionswagen und desorientierte Panzer gebahnt hatte, zerriss die Detonation des angeschlagenen Panzers den Kampflärm, und öliger, schwarzer Qualm ertränkte die Mittagssonne.
Als nach einer Weile die Polizeihelikopter die Lastwagen wieder in den Straßenschluchten aufgespürt hatten, war es für weitere Militärschläge mittlerweile zu spät. Einer der Transporte hatte bereits die Geflügeltöterei erreicht, und dort eine unüberschaubare Anzahl neuer Verbündeter ausgehoben. Die beiden anderen Transporte waren in die Innenstadt eingedrungen und nahmen scheinbar direkten Kurs auf das Parlamentsgebäude.
Das wahre Ausmaß wurde hingegen erst am frühen Nachmittag bekannt, als man erfuhr, dass eine gewaltige Horde von Schweinen, angestachelt durch die Berichte im Radio, aus ihren Gehegen hervorgebrochen waren, und die Vororte im Westen der Stadt verwüsteten. Auf ihrem Weg dorthin war es ihnen zudem gelungen, eines der städtischen Kraftwerke lahmzulegen, so dass sich allmählich ein unkontrollierbares Chaos unter der verängstigten Bevölkerung ausbreitete.
Das Parlament war zu einer Krisensitzung zusammengekommen, die Nationalgarde sicherte derweil das Gelände um den Staatspalast, da die beiden Tiertransporte mittlerweile unweit davon angehalten hatten, und dort im Schutz der antiken Hochhäuser die Rinder und Schafe Formation annahmen.
Gegen Abend hatte sich schließlich auch der dritte überlebende Transport zum Sammelpunkt durchgekämpft, begleitet von einer gigantischen Armee von Hühnern, Wachteln und Gänsen, teilweise sogar schon gebraten und mit Füllung versehen. Ein endloser Schwarm schillernder, fetter Fliegen hatte sich um die Tiere gesammelt und die Rädelsführer waren bedeckt von ihnen, als trügen sie Anzüge aus Perlmutt. Mücken eilten ebenfalls herbei, wurden aber von den Fliegen davon abgehalten, noch strömendes Blut zu konsumieren. Sie mussten sich unter strenger Aufsicht damit begnügen, das abgeflossene Blut vom Asphalt zu sich zu nehmen.
Die Tiere ließen sich Zeit bis zum Sonnenuntergang, während vor dem Parlamentspalast die Nationalgarde in angespannter Stille verharrte, die Gewehre in Bereitschaft, die Bajonette blankpoliert und scharfgeschliffen. Innen debattierten noch immer die Abgeordneten und Senatoren über eine Möglichkeit, die Tiere auszumerzen, ohne dabei die umliegenden Gebäude zum Einsturz zu bringen, zumal diese zu allem Übel auch noch aus der Gründerzeit der Stadt übrig geblieben, und seit langem unter Denkmalschutz gestellt worden waren.
Als sich dann die letzten Sonnenstrahlen hinter der Skyline in Deckung gebracht hatten, geriet Bewegung in die Versammlung der Tiere. Die Ladeflächen der drei Transporte wurden in Brand gesteckt, und im unsteten Licht der lodernden Wagen setzten sich die Tiere langsam und feierlich in Bewegung, marschierten in strenger Ordnung auf die breite Prunkallee vor dem Regierungspalast hinaus.
Noch bevor sie in Reichweite der Garde gerieten, stiegen plötzlich in einer düsteren, pulsierenden Wolke die Insekten auf und fielen über die Soldaten her. Diese versuchten Disziplin zu bewahren, konnten aber den endlosen Schwarm nicht aufhalten, der ihnen unter die Helme, über die Augen, und in die Gewehre kroch.
So gelangte die Prozession der Tiere ungehindert bis zu den Stufen des Palastes, eine breite, dunkle Spur gerinnenden Blutes hinter sich auf dem Boulevard der Freiheit zurücklassend.
Der Garde blieb letztlich nichts übrig, als den Rückzug der Politiker zu decken, und sich schließlich mit ihnen ganz vom Gelände zurück zu ziehen.
Im Parlament angekommen löste sich der Tross der Tiere langsam auf, strömte durch die Gänge, auf der Suche nach dem Gesetz. Weil sie es nicht vorfanden, machten sich die meisten in den großen Sälen breit, räkelten sich in die Sessel des Raucherzimmers, oder bestaunten die Trophäen im Museum des Willens.
Einzig die Rädelsführer erklommen die Stufen zum großen Sitzungssaal, marschierten durch die Sitzreihen zu den Rednerpulten, nahmen würdevoll Aufstellung dahinter, und musterten zornig die leeren Sitze, auf denen sich zu anderen Anlässen die Presse tummelt.
In einem letzten, verzweifelten Akt der Verteidigung ihrer Werte und ihrer Lebensweise befahl schließlich die exilierte Parlamentsregierung den Abwurf von Bomben auf den Regierungspalast. Das Gebäude war geeignet, den Unbillen von Krieg und Terrorismus zu trotzen, und so mussten die Bomber zweimal über das Regierungsviertel ziehen, bis am Ende, zwei Stunden vor Sonnenaufgang, die Nachglut der Atomexplosionen düster durch die Straßen floss.
Voll Bitterkeit starrt die Welt auf die Asche des einst so prunkvollen Symbols der unbändigen Freiheit menschlichen Willens, und aus der Asche steigen schillernd im Morgenrot die Fliegen empor, tausende, Millionen, um dem Universum vom Aufstand der Tiere zu berichten.