Unter dem warmen Klang der Kirchenglocken öffnete sich das dunkle, spitzbogige Tor und entließ einen Strom von Menschen in die klirrend kalte Weihnachtsluft. Der Atem schwebte in nebligen, kleinen Wolken aus den rotglänzenden Gesichtern und ein fröhliches Stimmengewirr unterlegte das stete Halleluja der großen Bronzeglocken. Scharen von Kindern lösten sich aus dem Strom, um in die hohen Schneehaufen neben dem Weg zu klettern und darin herumzutoben. Ein allzu dreister Bub warf einen Schneeball und traf Jesus eiskalt hinter den Ohren. Dieser drehte sich um und lächelte nur, was dem Täter verlegene Röte in das ohnehin schon glühende Gesicht trieb.
„He, Stümper!“ rief Jesus, der sich wieder umgewandt hatte und nun auf eine kleine Gestalt hinzu wanderte, welche vom Kopf bis zu den Zehen in schwarzen Pelzen steckte, aber dennoch missmutig die Arme um den Körper schlug um die Kälte zu vertreiben.
„Frechheit! Was erdreistet sich dieses sterbliche Balg! Warum sagst du nicht deinem Vater, er soll dem Wurm zu Weihnachten eine fette Warze ins Gesicht setzen?“
Jesus grinste. Er hatte sich den Bart länger wachsen lassen und ähnelte nun eher Karl Marx denn dem Messias auf den alten Wandgemälden in der Kirche. Kleine Eiskristalle verliehen seinem Lächeln einen funkelnden, geheimnisvollen Eindruck.
„Fällt das nicht eher in dein Gebiet, Stümper? Warzen und Beulen?“
Aus dem schwarzen Pelzknäuel spähten zwei hoffnungsvolle, rote Äuglein hervor, wie zwei glühende Kohlen in einem Haufen Ruß und Asche.
„Meinst du das ernst? Soll ich ihm...? Ach nein, das wäre nicht nett. An Weihnachten macht man so etwas nicht.“
Stümper wippte nervös mit den Füßen.
„Du erzählst das doch nicht meinen Vorgesetzten, oder? Wenn die mich wieder beim Teufel anschwärzen, kann ich bald Hitlers Zelle schrubben, und ich mag den Kerl nicht leiden.“
„Keine Bange, ich schweige wie ein Grab.“
Stümper blickte den Heiland erschrocken an, dann brachen beide in schallendes Gelächter aus und die Leute sahen verwundert zu ihnen herüber.
Als die beiden Gesellen schließlich weiterzogen bemerkten nur einige Kinder, dass die kleinere Gestalt seltsame Tappser mit kleinen Krallenspuren im weißen Schnee hinterließ.
In den kleinen, schmalen Gassen sang der Wind sein schrilles, kaltes Lied, und die Fensterläden rappelten in ihren rostigen Angeln. In einem der schmutzigen Schaufenster blitzte eine einsame Leuchtreklame. Mit einem hektischen Klingeln schwang die Türe auf, und ein Mann tastete sich auf den verschneiten Gehweg vor. Er machte ein paar unsichere Schritte, glitt dann aber aus und landete auf dem Hinterteil.
Stümper krümmte sich vor Lachen, Jesus runzelte nur die Stirn.
„Der Mann ist betrunken, Stümper. Wahrscheinlich ist er einsam am heiligen Abend und säuft sich deshalb über seinen Kummer hinweg. Lach ihn nicht aus.“
Das Glucksen versiegte und Stümper schüttelte den Kopf.
„Die Menschen spinnen. Wenn der Kerl so weitermacht ist er nachher zu besoffen um dem Weihnachtsmann seinen Namen zu nennen.“
Inzwischen waren sie bei dem Mann angekommen, der sich torkelnd wieder aufgerappelt hatte.
„Lllustig, hä? Willse paar aufs Maul, hä?“
„Kein Problem, Meister. Leg dich nur mit mir an. Ich habe ein paar Kollegen, die sind auf Raufereien spezialisiert!“ schnaufte Stümper, wich aber trotzdem einen Schritt hinter den Messias zurück.
„Warum betrinkst du dich denn am heiligen Abend?“
Der Mann wandte sich Jesus zu und zog eine dickbauchige Flasche mit goldenem Inhalt aus der Manteltasche hervor.
„Hast du niemanden, der mit dir feiert?“
„Doch, mei Frau und Tochter. Da geh’ch jetz hin.“
Als der Mann sich fluchend abwandte, um zu Husten, entriss ihm Stümper die Flasche.
„He, was solln das? Gib das wieder her, du...“
„Meins!“ entgegnete Stümper, die Flasche an sich klammernd.
Der Mann schien mit einem Mal wieder nüchtern.
„Gib das wieder her, hat nen Haufen Geld jekostet!“
Beide zerrten nun an der Flasche, deren Inhalt schäumend auf und ab sprang.
„Hast du denn schon ein Geschenk für deine Familie?“ fragte Jesus den Mann, der erschrocken seine Hände zurückzog, als sich durch Stümpers Handschuh plötzlich eine kleine Kralle hervorbohrte.
„Warum schenkst du ihnen nicht den Schnaps,“ zischte Stümper und schwenkte die Flasche triumphierend vor dem erschrockenen Gesicht, „dann können deine Frau und dein Töchterlein sich auch besaufen.“
Traurig sah der Mann zu Boden, auf einmal wirkte er sehr alt und sehr nüchtern.
Stümper blickte verwirrt zwischen den beiden schweigenden Menschen hin und her.
Nach einer Weile faltete Jesus die Hände und als er sie wieder öffnete, lag eine einzelne, rote Rose darin. Diese gab er wortlos dem Mann.
Stümper durchwühlte eifrig seine Pelzjacke und zog schließlich eine kleine Plüschmaus mit einem Glöckchen am Schwanz hervor. Ein wenig zögerlich überreichte er sie dem Mann.
Als sie weitergingen, schaute der Mann ihnen verwundert hinterher.
„Die Maus war meine erste Beute, ein Erinnerungsstück. Ich habe sie mal aus einer Kiste in einem Lastwagen geklaut.“ murmelte Stümper. „Aber ich kann mir ja jederzeit eine neue stehlen.“ fügte er ein wenig unsicher hinzu.
Jesus nickte fröhlich.
„Wie hast du eigentlich das mit der Rose gemacht? Kann ich das lernen?“
„Berufsgeheimnis, Stümper. Darf ich nicht verraten.“
Die Dunkelheit hatte schließlich die Stadt erreicht, und in der klaren Nacht funkelten abertausende von Sternen. Hin und wieder wehte ein glitzernder Vorhang aus Pulverschnee von den Dächern herab, und der Gesang des Windes war zu einem leisen Summen verstummt.
„Gehen wir wieder zum Waisenhaus? Wie letztes Jahr?“
Jesus nickte, „Wie jedes Jahr.“
Aus der Gasse hinter ihnen erklang mit einem Mal Hufschlagen, und schon preschte ein Schlitten, gezogen von einem zottigen Rentier, heran, überholte die beiden Wanderer und rauschte mit halsbrecherischer Geschwindigkeit um die nächste Hausecke.
„Verdammt!“
Jesus begann zu rennen.
„Wir sind spät dran. Komm, ich will die Bescherung nicht verpassen.“
Stümper keuchte angestrengt.
„Meinst du ich bekomme dieses Jahr endlich eine Peitsche? So eine richtige, aus Rindsleder?“
Inzwischen hatten sie das Waisenhaus erreicht. Vor dem Zaun stand der prächtig geschmückte Schlitten, und in das Zaumzeug eingespannt, das schnaufende Rentier. Jesus lief zum Eingang, aber Stümper hielt bei dem parkenden Schlitten an und begann, in seiner Jacke herumzukramen. Schließlich zückte er einen kleinen Apfel. Diesen vertilgte das Rentier erfreut, und Stümper tätschelte ihm die glitzernde Nase.
„Stümper, nun komm endlich!“
Hastig kletterte die kleine Gestalt über den Zaun und lief zum Eingang.
In der großen Halle waren alle Tische an die Wände geschoben worden, und in der Mitte des freien Saales stand nun ein festlich geschmückter Tannenbaum. Überall hingen kleine Figuren und Sterne aus Papier und Stroh, bemalte Glaskugeln und Girlanden. Neben dem Baum stand der Weihnachtsmann in seinem goldbestickten, schneeweißen Gewand, neben ihm ein riesiger Sack mit kleinen Päckchen, und rundherum im Saal die Kinder, die alle keine Eltern hatten.
„Schau, Stümper. Den Schmuck auf dem Baum haben die Kinder selber gemacht.“
Der Weihnachtsmann lauschte gerade ein paar Kindern, die ihm ein Gedicht aufsagten.
„Vielleicht soll ich ein Lied singen.“, raunte Stümper, „Kannst du Gitarre spielen?“
„Mäßig. Schau, jetzt geht es zur Bescherung. Sieh wie die Augen der Kinder glänzen. Deshalb komme ich jedes Jahr her, das ist mein Weihnachtsgeschenk, Stümper.“
Der Weihnachtsmann hatte sich mittlerweile neben dem großen Sack niedergelassen und sein großes, goldenes Buch aufgeschlagen, in welchem die Namen aller Menschen standen, und ob sie gut oder böse waren im letzten Jahr.
Stümper drängelte sich eilig durch die Reihen der Kinder und kam schließlich auch an die Reihe.
Der Weihnachtsmann lächelte verschmitzt.
„Und wie heißt du, mein Kleiner?“
„Man nennt mich 'Stümper'.“ flüsterte Stümper, und sah sich nervös um.
„Du bist also Stümper, ja?“
„Man nennt mich so.“
Der Weihnachtsmann blätterte in seinem Buch.
„Da stehe ich nicht drin. Hoffe ich jedenfalls.“
„Nun, warst du denn artig im letzten Jahr, Stümper?“ fragte der Weihnachtsmann und sah Stümper mit einer hochgezogenen Augenbraue an.
„Jaja, ich war artig.“, murmelte dieser verlegen. „War aber keine Absicht.“ fügte er ein wenig leiser hinzu.
Der Weihnachtsmann amüsierte sich offenbar köstlich.
„Nun, Stümper, auch wenn du nicht in meinem großen Buch stehst, so sollst du trotzdem ein Geschenk bekommen.“
Er zog eine kleine, rote Schachtel aus dem Sack und reichte sie der kleinen Gestalt, welche sofort von seinem Schoß heruntersprang und sich den Weg zur Tür bahnte.
Lachend wandte sich der Weihnachtsmann dem nächsten Kind zu.
„Er kostet das aus! Jedesmal kostet er das aus! Dabei weiß er genau, dass ich keiner Fliege ein Haar krümmen kann, und er kostet das auch noch aus!“
Jesus grinste und sie verließen das Waisenhaus wieder.
Die Brücke warf einen sanften Schatten auf das Eis des gefrorenen Flusses, und im Mondlicht sah der Wasserlauf aus wie eine weiße, glitzernde Straße. Es hatte leicht zu schneien begonnen, und manchmal sah es so aus, als würden die Sterne auf die Erde herabschweben.
„Hoffentlich sind es Schlittschuhe, wenn es schon keine Peitsche ist.“
Stümper zupfte noch immer an dem vertrackten Knoten, der sein Päckchen verschloss. Schließlich verließ ihn die Geduld, und er zerbiss die goldene Schnur. Hastig entfaltete er das glänzende Papier und hob feierlich den Deckel.
„Nein!“
Jesus lachte.